Schöbi-Fink zur gemeinsamen Schule: “Wir werden keine weiteren leeren Kilometer machen”

Politik / 02.07.2026 • 08:00 Uhr
Schöbi-Fink zur gemeinsamen Schule: "Wir werden keine weiteren leeren Kilometer machen"
Barbara Schöbi-Fink im VN-Interview: Das Konzept zum Modellversuch einer gemeinsamen Schule ist längst fertig, allerdings momentan wohl nicht umsetzbar. VN

Barbara Schöbi-Fink lässt das Konzept für den Modellversuch vorerst in der Schublade liegen.

Bregenz Das Schuljahr ist zu Ende, die Matura längst geschlagen. Schullandesrätin Barbara Schöbi-Fink blickt im VN-Interview schon nach vorne: Wie steht es um den Lehrermangel? Was bringt der Chancenbonus? Und wird es noch einmal einen Anlauf zur gemeinsamen Schule geben? Antwort: Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen wohl nicht.

Die Matura soll heuer ziemlich gut gelaufen sein. Wie haben Sie die Ergebnisse wahrgenommen?

Schöbi-Fink Die Zentralmatura scheint endlich angekommen zu sein, das hat sich schon die letzten Jahre gezeigt. Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer wissen, womit sie zu rechnen haben. Durchaus gefreut hat mich, dass sich viele Maturantinnen und Maturanten für die vorwissenschaftliche Arbeit entschieden haben, obwohl sie freiwillig war. Ich habe einige dieser Arbeiten präsentiert bekommen, und sie waren wirklich beeindruckend.

Die Freiwilligkeit bleibt jetzt fix bestehen. Eine gute Idee?

Schöbi-Fink Ja. Die, die sich dafür entscheiden, haben ein echtes wissenschaftliches Interesse an einem Thema. Deshalb sind die Ergebnisse auch hervorragend. Zudem überrollt die KI gerade die Schulen, es wird schwieriger, zu beurteilen, was eine Eigenleistung ist. Jemand, der die Arbeit freiwillig macht, möchte sie auch selbstständig erarbeiten.

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Das Bildungsministerium will im Herbst einen sogenannten Chancenbonus an 400 Brennpunktschulen in Österreich auszahlen, elf davon befinden sich in Vorarlberg. Wissen Sie schon, was die Schulen damit tun?

Schöbi-Fink Es gibt schon Wünsche und Vorstellungen, die die Schulen mit dem Ministerium besprechen. Ich möchte grundsätzlich dazu sagen, dass natürlich schon lange bekannt ist, welche Schulen besondere Herausforderungen haben. Und es ist richtig, dass ihnen mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden. Wir machen das seit sechs Jahren bei Schulen mit besonderen Herausforderungen. Und die sozialindexbasierte Mittelzuteilung bei Lehrern machen wir systematisch seit drei Jahren. Ich freue mich natürlich, wenn das Ministerium die Idee übernimmt und leicht abwandelt. Ich erwarte mir auch, dass das, was wir bisher selber bezahlt haben, der Bund übernimmt.

Das heißt, der Chancenbonus ersetzt auch zum Teil das Vorarlberger Programm?

Schöbi-Fink Wir werden dieselben Dinge ja nicht doppelt finanzieren.

Ein Wunsch von Bildungsminister Christoph Wiederkehr ist die sechsjährige Volksschule. Also eine Art Gesamtschule light. Wäre das eine Idee für Vorarlberg?

Schöbi-Fink Das Ministerium stellt sich vor, dass sich jetzt Modellregionen melden, die eine solche Schule umsetzen möchten. Das ist aber zu viel verlangt. Wir wissen nicht, welche Lehrer die fünfte und sechste Schulstufe unterrichten sollen. Wir wissen nicht, nach welchem Lehrplan. Und wir wissen nicht, wo die Klassen untergebracht werden sollten. Die Volksschulgebäude sind auf vier Jahre ausgelegt und errichtet. Mittelschulen auch. Deshalb muss ich das Ministerium doch bitten, dass es zumindest einen Ansatz einer Umsetzungsidee gibt.

Gibt es noch Chancen auf die Umsetzung eines Modellversuchs der gemeinsamen Schule in Vorarlberg?

Schöbi-Fink Wir haben seit 2023 ein fertiges Konzept in der Schublade, das umsetzungsreif gewesen wäre. Aber wie der Name schon sagt: Eine gemeinsame Schule ist nur dann eine gemeinsame Schule, wenn beide Schularten dabei sind. Es ist uns damals nicht gelungen, eine AHS dazuzugewinnen, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen des Bundes so sind, wie sie sind. Deshalb liegt das Konzept nun in der Schublade. Bevor sich die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht ändern, werden wir keine weiteren leeren Kilometer machen. Es gibt viele drängende Aufgaben, ich möchte meine Energie dort hineinstecken.

Welches ist das drängendste Problem?

Schöbi-Fink Das ist sicher, dass wir nach wie vor zu wenig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer haben. Die Bildungsdirektion ist hoch engagiert an der Arbeit, dass jeder Volksschulklasse eine ausgebildete Lehrperson zur Verfügung steht. Dort sind wir noch nicht. Ich hoffe, dass es, wie in den anderen Jahren, noch vor Schuljahresbeginn gelingt. Noch dramatischer ist es in der Mittelstufe, dort fehlen viele Fachlehrer, etwa in Mathe, Deutsch und Englisch. Es fehlen auch Lehrer in Physik, Biologie, Musik, Bewegung und Sport. Wir werden das Problem mittelfristig nicht lösen, wenn wir nicht eine stärkere pädagogische Hochschule bekommen.

In der Kinderbetreuung sorgt die Demografie dafür, dass der Bedarf langsam sinkt. Wird der Geburtenrückgang die Situation in der Schule auch irgendwann entschärfen?

Schöbi-Fink Das ist richtig. Es ist bitter, wenn sich durch geringere Kinderzahlen das Problem lösen könnte. Die Gesellschaft bekommt ja ein Problem, wenn sie nicht mehr wächst. Vielleicht wird das in den Volksschulen in den nächsten Jahren etwas Entlastung bringen. Aber wir haben den strukturellen Mangel jetzt. Und in den Mittelschulen würde es sicher noch acht, neun Jahre dauern. Ich möchte mich nicht damit begnügen, zehn Jahre zu warten.

In der Kinderbetreuung sprechen Sie ja von 2000 freien Plätzen. Die Gemeinden haben das dementiert. Wie viele Plätze sind denn jetzt frei?

Schöbi-Fink Die Gemeinden haben nicht in Summe dementiert. In den Medien haben drei Gemeinden gerätselt, wie das Land auf die Zahlen kommt. Zum Verständnis: Wir haben die Zahlen aus den Gemeinden. Und sie stimmen. Die 2000 Plätze stehen tatsächlich zur Verfügung. Aber natürlich gibt es in 96 Gemeinden 96 verschiedene Situationen.