Sechsjährige Volksschule diskutiert

Vorarlberg / 15.05.2026 • 16:22 Uhr
Sechsjährige Volksschule diskutiert
Durch eine sechsjährige Volksschule würden Kinder nicht schon im Alter von zehn, sondern erst im Alter von zwölf Jahren getrennt werden. Zu klären gibt es dafür aber noch sehr viel. Foto: APA

In Vorarlberg stößt der Bildungsminister auf offene Ohren. Allerdings: Warten auf Details.

SCHWARZACH. Aus mehreren Bundesländern ist Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) bereits beschieden worden, dass er seinen Plan, eine sechsjährige Volksschule einzuführen, vergessen kann. Aus Vorarlberg erntet er nicht nur Ablehnung.  

„Ich halte das für überlegenswert“, sagt Monika Steurer, Leiterin des Pädagogischen Dienstes der Bildungsdirektion. Dadurch würde die Laufbahnentscheidung „Mittelschule oder Gymnasium“ nicht schon mit zehn, sondern erst mit zwölf Jahren fallen. Die derzeit frühe Entscheidung sehe man kritisch. Schon die Gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen wäre ein Versuch gewesen, darauf zu reagieren. Sie ist jedoch nicht zustande gekommen.

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Für Alexandra Loser, Vorsitzende der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft, wäre eine sechsjährige Volksschule ein Schritt in die richtige Richtung. Simon Kampl, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung, erklärt, dass man einer solchen grundsätzlich positiv gegenüberstehe: „Sie greift eine zentrale Schwäche des österreichischen Bildungssystems auf: die sehr frühe Trennung der Kinder bereits im Alter von zehn Jahren. Damit ist der Ansatz auch eine sachliche und zeitgemäße Alternative zur ideologisch geführten Gesamtschuldebatte, wie sie in der Vergangenheit oft geführt wurde.“

Allerdings: Steurer, Loser und Kampl fehlen Antworten auf viele Fragen. Wer soll in einer solchen Volksschule nach welchem Lehrplan unterrichten? Wie soll das räumlich funktionieren? Was heißt das für die Mittelschule und die AHS-Unterstufe? Für eine Beurteilung wäre das alles wichtig. Es ist jedoch ungeklärt. Loser warnt, dass das zu Verunsicherung führen könnte, die der Sache nicht dienlich wäre.

Sechsjährige Volksschule diskutiert
Für Alexandra Loser, Vorsitzende der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft, wäre eine sechsjährige Volksschule ein Schritt in die richtige Richtung. Foto: VN/Hämmerle

Auch Landesrätin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP) ist im Prinzip gesprächsbereit: „Die Frage längerer gemeinsamer Bildungswege kann fachlich diskutiert werden“, sagt sie. Klar sei jedoch, dass eine sechsjährige Volksschule „kein kleiner organisatorischer Schritt“ wäre, sondern weitreichende Auswirkungen hätte. Eine seröse Bewertung sei daher erst möglich, wenn konkrete pädagogische Konzepte, Personalfragen sowie infrastrukturelle und finanzielle Rahmenbedingungen geklärt sind. Nachsatz: „Ich verwehre mich nicht einer Diskussion. Bevor weitere tiefgreifende Veränderungen angegangen werden, sollten aus meiner Sicht erst bestehende Probleme gelöst werden.“

Im Reformplan von Wiederkehr steht, dass Bildungschancen durch die sechsjährige Volksschule von der sozialen Herkunft entkoppelt werden sollen. Und dass durch individuelle Förderung und innere Differenzierung auf die einzelnen Schüler eingegangen werden solle. Zu Details heißt es im Ressort jedoch, dass man noch in der „Konzeptphase“ sei.

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„Die Frage längerer gemeinsamer Bildungswege kann fachlich diskutiert werden“, sagt Landesrätin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP). Beim Koalitionspartner reagiert man ablehnend. Foto: VN/Paulitsch

Auch in Vorarlberg gibt es Vorbehalte und Widerstände: „Ich sehe das kritisch“, erklärt AHS-Lehrergewerkschafter Freddy Wittwer. Wenn es darum gehen sollte, Deutschproblemen von Kindern zu begegnen, müsste man seines Erachtens bei anderen Hebeln, wie der Lehrerausbildung ansetzen. Und dem Argument, dass die Trennung mit Zehn zu früh erfolge, hält Wittwer entgegen, dass Volksschüler einer Erfahrung nach gut auf die Entscheidung vorbereitet werden würden.

Gemeindeverbandspräsident Walter Gohm meint, dass eine sechsjährige Volksschule bildungspolitisch „vielleicht“ richtig sein möge, lässt jedoch wissen, dass sich die Kommunen einen Ausbau der Volksschulen schlicht „nicht leisten“ könnten.

Bei der FPÖ, die im Land mit der ÖVP regiert, hält man nichts vom Vorstoß: Wiederkehr werfe mehr Fragen auf als er Antworten liefere, kritisiert Bildungssprecherin Andrea Kerbleder: „Statt unausgereifte Experimente sollte er Lösungen für die aktuellen Probleme an unseren Schulen präsentieren und umsetzen.“ Dabei gehe es etwa um Deutschkenntnisse sowie massive Schwächen in den Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen.