Peter Bußjäger

Kommentar

Peter Bußjäger

Kommentar: Vatis Tschengla

Politik / 06.08.2026 • 09:50 Uhr

Monika Helfers autofiktive Erzählung „Vati“ handelt unter anderem von ihren Kindheitserlebnissen auf der Tschengla in Bürserberg, wo ihr Vater ein Heim für Kriegsinvalide verwaltete, die in den Sommermonaten in dieser schönen Landschaft urlauben durften. Wer alt genug ist, erinnert sich auch an die dort beschriebene, schwindlige Seilbahn mit ihren kleinen Kabinen, mit denen man die Tschengla vom Dorf aus erreichen konnte. Die Autorin beschreibt die Veränderungen, die der aufkommende Tourismus mit sich brachte: Ein Stück Zeitgeschichte in einem literarischen Text.

Vatis Tschengla hat sich seither stark gewandelt, sie ist nicht mehr so idyllisch wie damals. Von den Pisten des nahen Loischkopfs brausen im Winter die Skifahrer, im Sommer die Mountainbiker hinunter. Aber gut, so wird eine Verunstaltung des Berges wenigstens zweimal genutzt, könnte man einwenden. Und außerdem: Die meisten von uns werden nicht wie zu Vatis Zeiten leben wollen. Eine gewisse Entwicklung der Regionen darf schon zugelassen werden.

Schlimmer ist die einfältige Appartementanlage für eine niederländische Investorengruppe. Musste der Gebäudekomplex tatsächlich so ausschauen, wie sich Holländer offenbar ein Haus in den Alpen vorstellen? Konnte man den Menschen, die beachtliche Summen für eine schattige Wohnung neben einem Skilift bezahlen, nicht einen besseren Geschmack zutrauen?

Auf der Tschengla wird indessen munter weitergebaut. Der eine oder andere Investor hat zwar wenigstens einen guten Architekten gefunden, aber die Schönheit und Stille des Gebiets geht immer mehr verloren. Gentrifizierung des Alpenraums könnte man in Abwandlung eines Begriffs, der in der Städteplanung die Verdrängung einkommensschwacher Bewohner durch wohlhabende Haushalte meint, sagen. Monika Helfer schildert berührend, wie das Heim für die behinderten Kriegsteilnehmer bereits zu Vatis Zeiten einem Hotel weichen musste, weil sich damit bessere Geschäfte erzielen ließen.

Der Gipfel der Gentrifizierung ist der Tschengla immerhin erspart geblieben, nämlich ein damals geplanter Golfplatz, womit vor allem die einheimische Bevölkerung zugunsten einer kleinen Gruppe, die in ihren Golfcarts durch die Landschaft holpern würden, enteignet worden wäre. Stattdessen hat ein mittlerweile verstorbener Mensch Hinkelsteine aus dem Moränenschutt der Tschengla ausgraben lassen und aus ihnen ein skurriles Mini-Stonehenge gemacht. Manchmal sieht man Touristen ratlos vor den Steinkreisen stehen. Vati und seine Kinder hätten das wahrscheinlich lustig gefunden, vormachen lassen hätten sie sich aber wahrscheinlich nichts.

Peter Bußjäger ist Professor am Institut für Öffentliches Recht der Universität Innsbruck.