Die Jugend kann das
Die Jugend von heute …
Ein Satzeinstieg, der gern verwendet wird – und aufgrund seiner Verallgemeinerung jedes anschließende Argument eigentlich obsolet macht. Ist die Jugend von heute faul und verwöhnt? Von Zukunftsängsten geplagt und unsicher? Generation Lifestyle? Generation deprimiert?
Was sich vielleicht ansatzweise feststellen lässt: Jugendliche sind selbstbewusst genug, sich einen eigenen Lebensentwurf zu bauen. Müssen sie auch. Denn die Versprechen der Vergangenheit sind für viele nicht mehr einzulösen.
“Schaffa, schaffa, Hüsle baua” zum Beispiel. Ein Hüsle lässt sich ohne Grundstück, Erbe oder finanzielle Starthilfe kaum noch verwirklichen. Selbst eine Wohnung, die einer späteren Familie Platz bietet, ist ohne elterlichen Erbhintergrund für viele schwer bis unmöglich zu finanzieren. Bleibt die Miete – die höher ausfallen kann als eine mögliche Kreditrate.
Frustrierend. Und motivationsbremsend.
Warum also nicht nur 80 Prozent arbeiten und die gewonnene Zeit sinnvoller verbringen, wenn selbst 100 Prozent den Traum vom Eigentum nicht näherbringen? Karriere um jeden Preis? Oder mehr Lebenszeit? Die Antworten sind widersprüchlich: Laut Jugendstudie “Lebenswelten” wird Materialismus wichtiger. Gleichzeitig wünschen sich 65 Prozent mehr Freizeit, 51 Prozent mehr Einkommen und gute Aufstiegsmöglichkeiten.
Die Jugend hat nicht zu wenig Ambition. Sie hat viele Erwartungen – aber wenig Spielraum.
Erwartungen, die speziell Social Media schürt. TikTok und Instagram haben sich längst von der Realität entkoppelt. Gefährlich ist: Was dort inszeniert wird, kann sehr reale Folgen haben. Radikalisierung und Terrorgefahr sind dabei nur die Spitze des virtuellen Eisbergs.
Mädchen werden in Dauerbeschallung mit vermeintlich perfekten, tatsächlich unrealistischen Körperbildern konfrontiert. Dünnsein wird wieder zum Ideal, Selbstoptimierung zur Daueraufgabe. Wer der vorgegaukelten Norm nicht entspricht, spürt den sozialen Druck.
Buben wiederum können in den Strudel der sogenannten Manosphere geraten. In eine Welt zweifelhafter Männerbilder, die dort verfängt, wo junge Männer nach Orientierung suchen. Die vermeintlich einfache Antwort: ein archaisches Mannsein, in dem Dominanz als Stärke und Gewalt mitunter als legitimes Mittel verkauft wird.
Die Jugend hat sich ein Kompliment verdient. Mit diesem Druck muss man erst einmal umgehen können.
Und bevor Erwachsene allzu selbstgefällig auf mangelnde Medienkompetenz der Jungen zeigen: Der fruchtbare Boden für Russlandpropaganda und Pseudomedizin zeigt, dass ein Blick in die eine oder andere WhatsApp-Familiengruppe ebenfalls lehrreich sein könnte.
Hinzu kommt der Druck des Weltgeschehens. Schon Erwachsene tun sich angesichts von Krisen, Kriegen und wirtschaftlichen Verwerfungen schwer, ein positives Zukunftsbild zu bewahren. Wie geht es dann erst jenen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben?
Laut der Jugendstudie blicken 88 Prozent völlig oder eher positiv in die Zukunft.
Trotz Krisen. Trotz unbezahlbarer Eigentumsträume. Trotz Dauervergleich auf Social Media. Und trotz einer älteren Generation, die ziemlich genau zu wissen glaubt, wie die jüngere zu leben und zu arbeiten hat.
88 Prozent schauen positiv nach vorne.
Vielleicht sollten wir uns bei der Jugend von heute eine Scheibe abschneiden.
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