Freispruch für Stocker
Der Satz war dumm. Nur anders dumm, als es die Empörungsmaschine dieser Tage behauptet hat.
„Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen“, sagte Kanzler Christian Stocker unlängst in Salzburg. Damit war alles angerichtet. Opposition, Medien, Arbeiterkammer: Wie könne ein Kanzler die Arbeit von Müttern derart geringschätzen? Stocker entschuldigte sich. Der Satz sei falsch gewesen.
Dabei lohnt es sich, noch den nächsten Satz anzuhören. Stocker sagte auch: „Familie ist nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen.“ Familie sei kein „Business Case“, kein Rechenbeispiel. Man tue füreinander etwas ohne Bezahlung.
Und damit hat er einen Punkt. Kinder aufzuziehen ist Arbeit, meist harte sogar, überwiegend für Frauen. Aber es ist keine Erwerbsarbeit. Kein Job, den man annimmt, weil am Monatsende ein Gehalt überwiesen wird. Familie ist wirtschaftlich und emotional etwas anderes als die Tätigkeit eines Versicherungsverkäufers oder Kfz-Mechanikers. Sie geht über dieses Tauschverhältnis weit hinaus. Genau das wollte Stocker sagen.
Man kann das Familienbild der Volkspartei altmodisch finden. Ich tue es in vielem. Unbezahlte Betreuungsarbeit hat reale ökonomische Folgen, vor allem für Frauen: weniger Einkommen, weniger Pension, weniger Unabhängigkeit. Alles richtig. Nur folgt daraus nicht, dass Stocker Mütter verachtet oder Kindererziehung für Freizeitvergnügen hält.
Sein eigentliches Vergehen liegt anderswo: Ein Bundeskanzler muss wissen, welcher Satz aus einem Absatz herausgeschnitten und wie er entwendet wird. Er muss wissen, dass „Kinderbetreuung ist keine Arbeit“ politisch so lange überlebt wie ein Eiswürfel im August. Stocker durfte nicht darauf vertrauen, dass Opposition (heuchlerisch) und Medien (gierig) den erklärenden Nachsatz samt der in diesem Kommentar verwendeten Abwägung für die Öffentlichkeit (unwissend) gratis mitliefern. Für diese Ungeschicklichkeit kann man ihn verurteilen. Vielleicht ist sie für einen Bundeskanzler sogar erstaunlich groß.
Dass dahinter ein konservatives Weltbild steckt, ist keine Enthüllung. Stocker ist 66, ÖVP-Chef, und er stammt aus einer Generation, in der Familie eher als Gemeinschaft mit traditionellen Rollen gedacht wurde. Seine Frau ist promovierte Klinische und Gesundheitspsychologin – ganz so simpel wie „Mann verdient, Frau bleibt daheim“ ist es also auch bei ihm nicht.
Die Volkspartei ist gesellschaftspolitisch konservativer als Grüne oder Neos (bei Sozialdemokraten und Freiheitlichen müsste man differenzieren). Wer dieses Familienbild teilt, kann ÖVP wählen. Wer es nicht teilt, soll es lassen. Ich gehöre eher zur zweiten Gruppe. Ein Verbrechen ist das traditionelle Familienbild trotzdem nicht.
Mit Sebastian Kurz hatte ich vor Jahren eine merkwürdige Diskussion darüber. Ich nannte ihn konservativ. Er war erstaunt und erklärte, er sei nicht konservativ, sondern bürgerlich. Eine feine Trennlinie, bei der ich den Verdacht hatte, dass auch Kurz sie nicht ganz verstand.
Dass Alter dabei wenig erklärt, zeigt Claudia Bauer, die bis vor Kurzem Plakolm hieß. Die 31-Jährige ist Ministerin für Europa, Integration und Familie und ein politisches Gewächs der Kurz-Ära. Gesellschaftspolitisch wirkt sie mitunter konservativer als Männer, die doppelt so alt sind. Beim Kopftuch – das sie ablehnt – sprach sie 2025 von einem Ausdruck „extremistischer Tendenzen“ und geriet damit selbst über einen einzigen Satz – den man einer Grünen oder Sozialdemokratin vielleicht durchgehen hätte lassen – ins Stolpern.
Das Urteil: Politiker dürfen konservativ sein. Sie dürfen ein Familienbild vertreten, das ich nicht teile. Sie sollten es nur so ausdrücken, dass nicht in alle Ewigkeit etwas ganz anderes hängen bleibt, als sie sagen wollten.
Also: Freispruch für Christian Stocker in der Sache. Schuldspruch wegen politischer Fahrlässigkeit.
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