Tabu Wechseljahre: “Die Hormone nicht mitzudenken, ist ein Fehler”

Andrea Butterweck bricht das Tabu Wechseljahre auf. Das soll nun auch ein Jahr lang in Nenzing passieren.
Schwarzach Mit 47 begann Andrea Butterweck, nach Worten zu suchen, das Herz raste, sie litt unter Stimmungsschwankungen. “Beim Herzrasen hieß es, ich soll Blutdrucksenker nehmen – ich habe aber schon niedrigen Blutdruck.” Es wurden ihr Antidepressiva vorgeschlagen. Schließlich: Sie solle sich auf Alzheimer testen lassen. Erst nach und nach wurde ihr klar: Die Hormone könnten hinter all dem stecken. Wechseljahre sind oft mehr als nur Hitzewallungen.
Butterweck hat in den vergangenen Jahren viele Frauen getroffen, die Ähnliches erlebt haben. “Dann heißt es, man habe zu viel Stress. Die Klassiker: Gehen Sie spazieren, machen Sie Yoga und nehmen Sie ab.” Dabei steigen ab 40 die Hausarztbesuche von Frauen. “Dort werden Antidepressiva, Schlafmittel und Schmerzmittel verstärkt verschrieben.” Bis zur passenden Unterstützung vergehen oft Jahre. In dieser Zeit waren viele bereits bei Kardiologen, Orthopäden, Heilpraktikern oder Physiotherapeuten.
Mitten im Leben ausgebremst
Verständlich, denn der Leidensdruck ist groß. Betroffene Frauen stehen meist mitten im Leben, haben Kinder, bauen sich beruflich etwas auf und stehen vor einer Beförderung. Genau hier wird das Thema für die Arbeitswelt relevant. “Schlafstörungen, die über Jahre gehen, halten Frauen auch davon ab, Beförderungen zuzusagen.”
Eine Studie von Menosupport Berlin zum Thema “Wechseljahre am Arbeitsplatz” untermauert, wie weit die Folgen reichen können. Frauen wollen ihre Arbeitszeit reduzieren, nehmen Beförderungen nicht an oder denken über eine Kündigung nach, da sie keine Hilfe finden.
Von der Wut zum Tun
Butterweck fand Hilfe bei humanidenten Hormonen. Für geeignete Frauen ist eine Hormontherapie eine mögliche Behandlung. “Das Wissen gibt es, aber es muss in die Arztpraxen kommen. Und zwar fachübergreifend.”
Dass Frauen in dieser Lebensphase so schlecht unterstützt werden, empfand sie als Ungerechtigkeit. “Diese Wut habe ich in Mut verwandelt und einen kleinen Stammtisch in Lustenau gegründet.” Das war vor dreieinhalb Jahren. Daraus entstanden die “Feuerfrauen”. Der Vorarlberger Verein zählt mehr als 100 Mitglieder, es gab mehr als 90 Veranstaltungen und fast allen Bundesländern sind ehrenamtliche Selbsthilfegruppen entstanden. Erst vor Kurzem haben die Feuerfrauen Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner getroffen. “Wir sind jetzt in Wien sichtbar und das ist wichtig.”

Ein Jahr lang Wechseljahre im Dialog
Auch in Vorarlberg wird nun ein Jahr lang das Thema in den Fokus gerückt. In Nenzing soll genau dort angesetzt werden, wo Butterweck Veränderung fordert: bei Wissen und Austausch. Die Marktgemeinde startet mit den Feuerfrauen das einjährige Projekt “Wechseljahre im Dialog”. “Dieses Signal, dass uns die Frauen mit ihren Themen wichtig sind, wollten wir senden”, sagt Olivia Mair, Leiterin Familie und Soziales.
Der Auftakt findet am 24. September um 18:30 Uhr im Ramschwagsaal statt. Nach der Projektvorstellung folgt der Vortrag “Die Macht der Hormone”. In Folge geht es etwa um Krafttraining, seelische Gesundheit oder Sexualität. Barbara Blaha und Miriam Stein sind zu Gast, es gibt Fachvorträge zu Hormonen, Gesundheit und einen Workshop zu “Wechseljahren am Arbeitsplatz” für Personalverantwortliche. Mehr als 30 Betriebe konnten die Feuerfrauen bisher im Land sensibilisieren. Mair bekräftigt: “Wenn Frauen ausfallen oder ihre Arbeitszeit reduzieren, ist das auch ein wirtschaftlicher Faktor.”
Butterweck will die Wechseljahre nicht auf Hormone reduzieren. “Es ist ein Thema von Kopf bis Fuß. Die Lebensphase, das Alter, aber die Hormone nicht mitzudenken, ist ein Fehler.”