Ukrainischer Botschafter: “Wir zahlen mit Menschenleben für Europas Sicherheit”

Politik / 23.10.2026 • 15:16 Uhr
Ukrainischer Botschafter: "Wir zahlen mit Menschenleben für Europas Sicherheit"
Wassyl Chymynez war in Vorarlberg zu Gast und schildert, was ihn in Kiew bald erwartet.VN/Steurer

Warum der ukrainische Botschafter mit Schlafsäcken nach Kiew zurückkehrt, erzählt er im Interview.

Schwarzach Warme Schlafsäcke, Stromspeicher, Winterkleidung. Es sind ungewöhnliche Vorbereitungen, die Wassyl Chymynez für seine Rückkehr in die Heimat trifft. Der ukrainische Botschafter in Österreich wird nach fünf Jahren seine Amtszeit beenden und nach Kiew zurückkehren. Gemeinsam mit seiner Frau bereitet er sich auf einen Winter vor, in dem Strom, Wasser und Heizung keine Selbstverständlichkeit sind. “Wir wissen schon, was wir besorgen müssen”, sagt er im VN-Interview bei Vorarlberg Live. Und auch, wo sie die Nächte verbringen könnten: in Tiefgaragen oder U-Bahn-Stationen. Dort ist es bei russischen Luftangriffen sicherer. Es ist ein Alltag, den sich Chymynez niemandem wünscht. “Das ist ein Leben unter Terror”, sagt er. “Das ist der Preis, den die Menschen zahlen, weil sie trotz allem unabhängig und frei sein wollen.”

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Seit mehr als viereinhalb Jahren dauert die russische Großinvasion. Dass der Krieg so lange andauern würde, habe man nicht erwartet. Die Hoffnung, die russische Bevölkerung könnte sich angesichts der hohen Verluste gegen Wladimir Putin wenden, habe sich nicht erfüllt. Ebenso wenig die Hoffnung auf rasche und ausreichende Waffenlieferungen aus dem Westen.

Besonders enttäuscht zeigt sich Chymynez über die USA unter Donald Trump. Er erinnert an das Budapester Memorandum von 1994, mit dem die Ukraine auf ihr Atomwaffenarsenal verzichtete. Im Gegenzug sicherten die USA, Großbritannien und Russland zu, die Unabhängigkeit, Souveränität und bestehenden Grenzen der Ukraine zu respektieren. Ausgerechnet Russland hat diese Zusicherungen mit seinem Angriffskrieg gebrochen. Umso größer seien die Hoffnungen auf die USA gewesen. Nun würden Entscheidungen Washingtons teilweise sogar dem Aggressor helfen. “Die Enttäuschung ist da”, sagt Chymynez. Insbesondere Geschäfte, die Russland zusätzliche Einnahmen verschaffen, seien fatal. “Solange Putin noch Geld hat, wird er diesen Krieg gegen uns weiterführen.”

Ukrainischer Botschafter: "Wir zahlen mit Menschenleben für Europas Sicherheit"
“Die Enttäuschung ist da”, sagt Chymynez über die USA unter Donald Trump.VN/Steurer

Damit wachse die Verantwortung Europas, und er hoffe auf weitere Milliardenhilfen. Den größten Preis zahle aber die Ukraine, sagt Chymynez. “Wir zahlen mit Menschenleben dafür, dass dieser Krieg nicht weitergeht Richtung Westen, Richtung Europa.” Die Unterstützung sei deshalb nicht bloß Hilfe für die Ukraine, sondern eine Investition in Europas eigene Sicherheit.

Und Österreich? Niemand erwarte Waffenlieferungen, betont der Botschafter. Entscheidend sei, dass Österreich militärisch neutral bleibe, politisch aber auf der Seite des Völkerrechts stehe. Ausdrücklich dankt er für humanitäre Hilfe, Generatoren, Rettungsfahrzeuge und Projekte für ukrainische Kinder. Besonders berührend seien Aufenthalte von Kindern aus Frontgebieten in Österreich. Kinder, die nach einigen Tagen plötzlich wieder zu lachen beginnen. Die für kurze Zeit erleben dürfen, was anderswo selbstverständlich ist: eine Kindheit ohne Krieg.

Ukrainischer Botschafter: "Wir zahlen mit Menschenleben für Europas Sicherheit"
“Wir zahlen mit Menschenleben dafür, dass dieser Krieg nicht weitergeht Richtung Westen, Richtung Europa”, betont der Botschafter.VN/Steurer

Wie aber kann dieser Krieg enden? Chymynez antwortet: Erst wenn Putin wirtschaftlich und finanziell nicht mehr in der Lage sei, ihn fortzusetzen. Wer die Unterstützung der Ukraine einstelle oder Russland durch Zugeständnisse besänftigen wolle, erreiche das Gegenteil. Er erinnert an die Annexion der Krim 2014. Schon damals hätten viele geglaubt, Putin werde sich damit zufriedengeben. “Er ist weitergegangen.”

Nun steht der nächste Kriegswinter bevor. Schon jetzt seien Hunderttausende Menschen ohne Strom, schildert Chymynez. Russische Angriffe zerstören die Energieversorgung. Wenn der Strom ausfällt, funktionieren auch die Wasserpumpen nicht mehr. Der Botschafter kennt die Folgen. Bald wird er sie wieder selbst erleben müssen.

Ukrainischer Botschafter: "Wir zahlen mit Menschenleben für Europas Sicherheit"
Erst wenn Putin kein Geld und keine Waffen mehr hat, werde er den Angriff beenden, ist Chymynez überzeugt.VN/Steurer