Von Vučić lernen heißt siegen lernen
Der nächste österreichische Wahlkampf könnte in Belgrad begonnen haben. Dort wurde gerade vorgeführt, wie man trotz flächendeckender Fernsehdominanz eine Wahl verliert. Die gute Nachricht: Auch eine Sendezeitmonarchie ist abwählbar. Die schlechte: Es kommt darauf an, wer daraus lernt.
In Serbien dominierte das Machtgefüge um Aleksandar Vučić lange die Politik und weite Teile der Medien. Im Wahlkampf entfielen 72 Prozent der politischen Sendezeit landesweiter Sender auf das Regierungslager. Bei der TV-Wahlwerbung waren es sogar 93 Prozent. Die Studentenliste bekam zwei Prozent. Am Sonntag gewann sie trotzdem: rund 53 Prozent der Stimmen, die Vučić-Liste rund 39. Offenbar lässt sich ein Land nicht mehr vollständig fernsteuern, bloß weil man die Fernbedienung besitzt.
Der Protest gegen Korruption begann auf der Straße, organisierte und verbreitete sich aber auch schnell in sozialen Netzwerken – vorbei an der medialen Zollstation für schlechte Regierungsnachrichten. Ein System, das täglich die Nachrichtensendungen gewann, verlor die Wahl.
In Ungarn hatte Viktor Orbán das Kunststück schon im April vollbracht. Mehr als 80 Prozent der traditionellen Medien standen unter regierungsnahem Einfluss. Trotzdem gewann Péter Magyars Tisza mit rund 53 Prozent. Orbáns Leute posteten doppelt so viel, aber die Opposition erreichte zwei- bis dreimal so viele Menschen. Die digitale Gegenöffentlichkeit war schneller als die staatlich verwaltete Wirklichkeit.
Man möchte das Smartphone zum Ehrenmitglied der Demokratie ernennen.
Nur hat es keinen Mitgliedsantrag unterschrieben. Denn in Österreich sind die Rollen hübsch vertauscht. Hier regieren ÖVP, SPÖ und NEOS ohne ungarischen oder serbischen Medienapparat. Die FPÖ hingegen besitzt online einen Vorsprung, den die anderen mit Pressekonferenzen und freundlichem Winken in die Kamera aufzuholen versuchen. Das ist, als wollte man einen Waldbrand mit einer PowerPoint löschen.
Laut TikTok-Atlas der Universität Innsbruck gehören zehn der zwanzig beliebtesten politischen Accounts in Österreich der FPÖ beziehungsweise ihren Funktionären. Bei Followern und Likes führt die Partei klar. ÖVP und SPÖ wirken dort wie die Digitalabteilung einer Bezirkshauptmannschaft: Man ist zuständig, aber niemand sucht freiwillig danach. Immerhin: Auch die Grünen können dort Reichweite erzielen. Der Algorithmus hat kein Parteibuch, nur eine Allergie gegen Koalitionsprosa.
Die FPÖ hat früh begriffen, was auf diesen Plattformen funktioniert: ein Feindbild statt drei Fußnoten, ein Satz statt einer Sachverhaltsdarstellung, ein Aufreger statt einer Antwort. Die Regierungsparteien sprechen gern darüber, warum etwas schwierig ist. Herbert Kickl erklärt lieber, wer schuld ist. Das eine lässt sich regieren. Das andere lässt sich teilen.
Natürlich werden aus Likes keine Stimmen und aus Reichweiten keine Mehrheiten. Serbiens Studenten gingen auf die Straße, Magyars Leute durch die Dörfer; beide profitierten von der Unzufriedenheit der Wähler. Aber die Wahlen zeigen, dass die alte mediale Übermacht ihre Wirkung verlieren kann, wenn sich eine andere Öffentlichkeit organisiert.
In Belgrad und Budapest war das erfreulich. In Wien ist dieselbe technische Errungenschaft keine Garantie für ein erfreuliches Ergebnis. Das Internet hat weder eine demokratische Gesinnung noch eine Brandmauer eingebaut. Es kennt nur Reichweite.
Von Vučić lernen heißt siegen lernen. Nur heißt der mögliche Musterschüler Herbert Kickl.
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