Ist linker Antisemitismus besser?
Ausgerechnet Berlin. In jener Stadt, die Reichshauptstadt war und von der aus die Vernichtung der europäischen Juden organisiert wurde, hat die Linke gerade die Wahl gewonnen: 25,7 Prozent, mehr als doppelt so viel wie 2023. Kaum ist das Konfetti weggeräumt, reden SPD und Grüne bei möglichen Koalitionsgesprächen über eine rote Linie: Antisemitismus. Ein Foto des Linken-Abgeordneten Ferat Koçak mit einem für israelfeindliche Äußerungen bekannten Aktivisten und der Auftritt eines Remmo-Clanchefs bei der Wahlparty haben die Frage zur Regierungsfrage gemacht.
Fast zeitgleich holte die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent. Deutschland erlebt zwei sehr unterschiedliche Aufstiege an seinen politischen Rändern. Sie gleichzusetzen wäre Unsinn. Auffällig ist: Beim Antisemitismus stoßen beide Seiten an Grenzen – von verschiedenen Richtungen.
Rechts ist das Muster vertrauter. Bei der AfD reichen die Debatten bis zu Björn Höckes “Denkmal der Schande” und einem geschichtsrevisionistischen Grundton. In Österreich trägt die FPÖ noch schwerer an ihrer Herkunft: ehemalige Nationalsozialisten in Führungspositionen, Haiders Ausfälle, Straches neonazistische Jugendkontakte, Burschenschaften und bis heute braune Rülpser. Herbert Kickl sucht inzwischen demonstrativ Kontakt zu Netanjahus Likud. Bemerkenswert. Die Geschichte radiert das nicht weg.
Österreich hat hingegen keine bundespolitisch relevante Linke. Sie steckt allerdings in sozialdemokratischen und grünen Jugendorganisationen. Ja, die KPÖ regiert Graz. Auch dort gab es nach dem 7. Oktober Streit: Die jüdische Gemeinde lud KPÖ-Politiker von einer Pogrom-Gedenkfeier aus, weil sie deren Haltung zu Israel für unzureichend hielt. Bürgermeisterin Elke Kahr wies den Antisemitismusvorwurf zurück und verurteilte den Hamas-Terror.
Doch diese Unterscheidung ist notwendig: Kritik an Netanjahu, am Gaza-Krieg oder an Siedlungen ist nicht antisemitisch. Nur endet die Geschichte dort nicht.
Die Leipziger Autoritarismus-Studie hat deshalb Formen untersucht, die auch in linken Milieus anschlussfähig sind. Ihr Befund ist unbequem für einfache Weltbilder: Klassischer Antisemitismus ist bei Linken vergleichsweise schwach. Antisemitischer Antizionismus findet sich dort aber durchaus. Der Antisemitismus hat die politische Sprache gewechselt.
Noch ungemütlicher sind die österreichischen Zahlen, und zwar unabhängig von der politischen Verortung. 28 Prozent der Unter-25-Jährigen stellten 2024 in einer Parlamentsstudie das Existenzrecht Israels indirekt infrage – doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung. 32 Prozent aller Befragten hielten die Aussage, Juden beherrschten die internationale Geschäftswelt, zumindest eher für zutreffend; 27 Prozent sahen wachsenden jüdischen Einfluss in Presse und Politik.
Spätestens dort sind wir nicht mehr bei Gaza. Hier tauchen wieder Soros, Rothschild, Zuckerberg, Bilderberger, Freimaurer und “Globalisten” auf. Aus Kapitalismuskritik – nicht nur von links – wird die uralte Erzählung von der kleinen, reichen, geheimen Macht, die Medien, Geld und Politik steuert.
Der rechte Antisemitismus kommt bei uns meist mit dem Geruch des Gestern: NS-Verharmlosung, “Schuldkult”, Volksgemeinschaft. Die linke Haltung kann moderner klingen: antikolonialistisch, antiimperialistisch, antizionistisch. Das macht sie nicht automatisch antisemitisch. Aber auch nicht automatisch unschuldig.
Deutschland diskutiert das gerade ausgerechnet in Berlin. Österreich sollte nicht so tun, als ginge uns das nichts an. Die gefährlichste Eigenschaft des Antisemitismus war immer seine Wandlungsfähigkeit: Er findet für jede Epoche die Sprache, in der man ihn gerade wieder ausdrücken darf.
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