Montafoner Medizingeschichte im Fokus

Promo / 01.06.2022 • 15:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Michael Kasper spricht über die aktuelle Ausstellung im Schrunser Heimatmuseum. BI
Michael Kasper spricht über die aktuelle Ausstellung im Schrunser Heimatmuseum. BI

Michael Kasper legt als Leiter der Montafoner Museen Wert auf ein abwechslungsreiches Sommerprogramm.

SCHRUNS Michael Kasper hat die Leitung der Montafoner Museen inne, außerdem ist er Obmann des Heimatschutzvereins Montafon sowie des Geschichtsvereins Region Bludenz. In allen Funktionen ist der Historiker stets mit neuen Projekten beschäftigt. So wird zum Beispiel im Sommer ein Themenschwerpunkt auf die Medizingeschichte des Montafons im Heimatmuseum Schruns gelegt. Aber auch weitere Projekte sind geplant.

Aus welchem Grund wurde diesen Sommer als Themenschwerpunkt die Medizingeschichte des Montafons gewählt?

KASPER Gesundheit durchdringt alle Lebensbereiche. Die allgegenwärtige Coronapandemie hat unser medizinisches Bewusstsein noch zusätzlich geschärft, so unterscheiden wir mittlerweile nicht nur zwischen krank und gesund. Auch symptomfrei Infizierte sind für uns gesundheitspolitisch relevant geworden. Viel wird im Zuge der Pandemie auch über die psychischen Belastungen und ihre körperlichen Auswirkungen diskutiert.

Doch nicht erst seit dem weltumspannenden Krankheitsausbruch definieren wir uns stark über unser körperliches und seelisches Wohlbefinden. Auch historische Gesellschaften waren maßgeblich von ihrer körperlichen Konstitution abhängig. Sie entschied vielfach über berufliche Karrieren, wirtschaftlichen Erfolg und privates Glück. Anknüpfend an das durch die Coronapandemie gesteigerte Interesse an gesundheitlichen Themen, entstand die Idee, sich aus regionalhistorischer Perspektive mit der Geschichte von Gesundheit und Krankheit, der medizinischen Versorgung sowie verschiedenen angrenzenden Themenkreisen im Montafon näher auseinanderzusetzen.

Wie sieht Ihre Herangehensweise an diese Thematik aus?

KASPER Die Umsetzung des inhaltlich breit aufgestellten Projekts erfolgte im Rahmen verschiedener Kooperationen. So konnten zahlreiche lokal und regional verankerte Forscher für die Recherchen gewonnen werden. Einen wesentlichen Beitrag zur Aufarbeitung leisteten Studierende der Universität Innsbruck, die sich im Rahmen eines Forschungslabors unterschiedlichen Aspekten der Medizingeschichte des Montafons widmeten. Vor dem aktuellen Hintergrund fanden Spannungen zwischen Skepsis und Akzeptanz gegenüber neuen Methoden und Möglichkeiten der Heilkunst ausdrücklich Berücksichtigung in der historischen Betrachtung. In mehreren Längs- und Querschnitten sowie anhand von vertiefenden Fallbeispielen wurden unterschiedlichste Themenschwerpunkte aufgearbeitet und dokumentiert. Beiträge zum Thema von insgesamt 29 Autoren erscheinen in einem Sammelband zur Ausstellung, der am Abend der Ausstellungseröffnung am 30. Juni um 18 Uhr im Heimatmuseum Schruns präsentiert wird.

Was waren für Sie die markantesten Schritte in der Entwicklung zu einem modernen Medizinverständnis?

KASPER Seitdem der aufgeklärt-absolutistische Staat um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Gesundheit seiner Untertanen als Grundlage des florierenden Staates entdeckt hatte, waren zahlreiche Versuche unternommen worden, um die medizinische Versorgung zu verbessern. Die Medizin hielt Einzug in die unterschiedlichsten Lebensbereiche, (männliche) Ärzte wurden zu Autoritäten und standen an der Spitze der medizinischen Hierarchie. Qualitativ hochwertige medizinische Hilfe sollte für jeden zugänglich sein. Der pluralistische medizinische Markt wurde zusehends reglementiert und die nicht lizenzierten heilkundigen Personen vielfach an den Rand gedrängt.

Welche Besonderheiten sind in diesem Themenbereich gerade im Montafon erwähnenswert?

KASPER Das Montafon birgt zahlreiche Geschichten über Gesundheit und Krankheit der Talbewohner. Es lassen sich charismatische Akteure finden, die wesentlich zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung beitrugen. Spätestens im 20. Jahrhundert erwarb sich das Montafon aufgrund seiner medizinischen Institutionen einen überregionalen, ja sogar internationalen Ruf. Die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum der frühen Neuzeit war einst stark von traditioneller Heilkunde und Volksfrömmigkeit geprägt. Mirakelbücher, Votivbilder sowie Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Umfeld ermöglichen Einblicke in die Sorgen und Nöte der Menschen und ihre Vorstellungswelt hinsichtlich Krankheitsursache und Heilung. Insbesondere die Taufe tot geborener Kinder in Schruns verweist exemplarisch auf einen bemerkenswerten Aspekt des religiös geprägten Weltbildes.

War es schwierig, an entsprechende Exponate zu gelangen?

KASPER Erfreulicherweise können wir einerseits auf einen beträchtlichen Bestand an relevanten Objekten in unserer Sammlung sowie Dokumenten im Montafon Archiv zurückgreifen und andererseits unterstützten uns zahlreiche Leihgeber mit Exponaten aus Privatbesitz sowie Erzählungen von Zeitzeugen.

Welche Veranstaltungen sind
vonseiten der Montafoner Museen noch für den Sommer geplant?

KASPER Seitens der Montafoner Museen bieten wir den ganzen Sommer über unter dem Titel „Luaga, Losna & Stuna“ ein regelmäßiges Wochenprogramm an Kulturführungen in der Region an. Darüber hinaus finden Spaziergänge zur Montafoner Baukultur sowie Erinnerungsspaziergänge zu den Themen Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit statt. Einige Veranstaltungen finden in Kooperation mit unseren Partnern der Sommerbar von MAP, dem Kunstforum mit der Ausstellung „Vom Schmelzen und Schwinden“ oder den Montafoner Resonanzen mit den Orgelführungen statt. Ein großes und grenzüberschreitendes Kooperationsprojekt ist die Wanderausstellung „Täler in Flammen“, die derzeit im Heimatmuseum zu sehen ist. Schließlich bereiten wir bereits das Programm für unser Kulturfestival „septimo“, das sich heuer dem Themenschwerpunkt „Sprache/Mundart“ widmet, vor.

Gibt es einen Familienschwerpunkt bei den Veranstaltungen?

KASPER Die Aktion „Reiseziel Museum“ ist jeweils ein Höhepunkt unserer Familienangebote. Darüber hinaus bieten wir niederschwellig Rätselrallyes in allen Museen an. Ganz neu ist ab Sommer das Angebot, im Heimatmuseum Kindergeburtstage zu feiern und sich zugleich auf eine Zeitreise in den Alltag von Kindern in früherer Zeit zu begeben. BI

Zur Person

MICHAEL KASPER

Geboren 1980

Familie verheiratet, drei Kinder

Beruflicher Werdegang Lehramtsstudien Geschichte, Geografie und Religion; Doktorat in Geschichte; AHS- und BHS-Lehrer; Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Innsbruck; seit 2011 Kulturwissenschaftlicher Bereichsleiter beim Stand Montafon

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