17.05.2019 • 07:22 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Der nördliche Burggraben des kaiserlichen Palastes ist während der Kirschblüte voll mit Schaulustigen. shutterstock (5)
Der nördliche Burggraben des kaiserlichen Palastes ist während der Kirschblüte voll mit Schaulustigen. shutterstock (5)

stehen die Diplomaten in ihren dunklen Anzügen und englischen Schuhen unter den unzähligen Blüten und feiern mit Bier in Pappbechern und Gästen Hanami. Bei den japanischen Geschäftsleuten ein paar Schritte weiter geht es lässiger zu. Die Schuhe haben sie fein säuberlich zur Seite gestellt. Auf dem Boden sitzend lassen sie es krachen. Ihren absoluten Lieblingsplatz steuert Misuzu Watanabe als Höhepunkt an. Nirgendwo sonst ist die Kirschblüte so schön wie am Chidori-ga-fuchi, dem nördlichen Burggraben des kaiserlichen Palastes. Dort legen sich die Blüten wie Wolken über den steilen grünen Abhang entlang des Wassers. Am anderen Ufer verschmelzen sie zu einem weiß-rosa Himmel, unter dem die Tokioter in Massen pilgern. Unendlich scheint die Schlange an der Ruderbootanlegestelle. Wer einen exklusiven Blick vom Wasser aus auf das Blütenmeer werfen will, der muss zwei Stunden anstehen. Misuzu Watanabe zückt ihr Handy. Unzählige Fotos hat sie schon gemacht. In diesem Jahr und all die Jahre zuvor.

Wenn es dunkel wird, kommt Misuzu Watanabe noch einmal an den Burggraben. Dieser verwandelt sich nun in einen Zauberwald. Scheinwerfer tauchen die Blüten in ein magisches Licht. Nicht einmal die schneidende Stimme der Ordner kann die Schönheit stören. „Weitergehen! Nicht stehen bleiben!“ versuchen sie, per Megafon den Strom der Tokioter in die richtige Bahn zu lenken. Trotzdem findet Misuzu Watanabe in dem Treiben noch einen ruhigen Platz. Aus ihrer Tasche zieht sie eine kleine rosa Thermoskanne und schenkt in Pappbecher heißen Sake ein. Den Glühwein der Japaner. „Das ist unsere eigene kleine Hanami-Party“, strahlt sie. Die Nächte in Tokio sind noch kalt. Schnell packt sie wieder alles ein. Seit einem Giftanschlag 1995 in
der U-Bahn hat die Megametropole alle Mülleimer abgebaut. Jeder nimmt seinen Müll seither mit nach Hause.

Am nächsten Morgen wird die 64-Jährige wieder den Fernseher anschalten, um den Nachrichten zur Kirschblüte zu lauschen. Bis die Tage kommen, an denen dann alle schauen, wie die Blütenblätter fallen und im Wind tanzen.