Im Land der Weihnachtsbäume

Reise / 22.12.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Philippe Rauel wird in der Weihnachtszeit zu Professor Sappinus. FRANZ MICHAEL ROHM

Wo kommt wohl der Weihnachtsbaum her? Ganz klar, aus dem Elsass. Sagen jedenfalls die Elsässer.

So sahen sie aus, die ersten Weihnachtsbäume. „Geschmückt mit Äpfeln und Oblaten“, erklärt Philippe Rauel. Um die Advents- und Weihnachtszeit zieht der Verwaltungsangestellte verkleidet als Professor Sappinus, abgeleitet vom Französischen Namen des Tannenbaums, Sapin, durch die Region Mittel-Elsass und Ober-Rhein. Auffällig gekleidet mit rot-weiß kariertem Hemd, Gärtnerschürze und flachem, breitkrempigen Hut, bringt er den Menschen die Geschichte des Weihnachtsbaumes nahe.

Rauel alias Professor Sappinus stammt aus Sélestat in Mittel-Elsass und ist sicher: „Die Geschichte des Weihnachtsbaumes beginnt in der Umgebung von Sélestat, dieser damals großen alemannischen Region im ausgehenden Mittelalter.“ Die Humanistische Bibliothek von Sélestat besitzt ein Dokument vom 21. Dezember 1521, in dem der Mundschenk des Bürgermeisters darüber berichtet, dass eine Summe Geldes bewilligt wurde, um die „Meyen“ zu schützen. So nannte man Festbäume, die in diesem Dokument erstmals als Weihnachtsschmuck erwähnt wurden.

Ja, er wisse, dass im nicht weit entfernten Freiburg bereits hundert Jahre früher die Bäckerzunft­ einen plätzchenbehangenen Tannenbaum aufstellte, der am Weihnachtstag von den Kindern geplündert werden durfte. „Aber wir wollen doch keine Konkurrenz, uns geht es nur um den Weihnachtsbaum.“ Und so hängen in der Sankt-Georges-Kirche in Sélestat die Tannenbäume vom 30. November bis zum 5. Januar als kleine Weihnachtsausstellung. Das Erste, was auffällt: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hingen die Weihnachtsbäume von der Decke, sie standen nicht auf dem Boden. „Was glaubst du, wie viele Mäuse früher auf einen leckeren Apfel warteten?“, erklärt Professor Sappinus. Deshalb wurden in den Bauern- und Bürgerhäusern die Bäume außer Reichweite der Nager angebracht.
Rauels Forschungen ergaben, dass die Geschichte des Weihnachtsbaums auf alte heidnische Bräuche zurückgeht. Zur Wintersonnenwende schmückten unsere Vorfahren ihre Hütten mit immergrünen Zweigen, in der Hoffnung auf ein gutes Frühjahr und reichliche Ernte im Herbst. Anfang des 16. Jahrhunderts dekorierten die Menschen im Elsass die ersten Schwarz- und Weißtannen, die in der Region am weitesten verbreiteten Nadelbäume.

In der St. Georgs-Kirche in Sélestat sind im Advent die Tannenbäume ausgestellt. <span class="copyright">Ville de Sélestat</span>
In der St. Georgs-Kirche in Sélestat sind im Advent die Tannenbäume ausgestellt. Ville de Sélestat

Christäpfel als Symbol der Sünde

Überliefert ist, dass der Weihnachtstag damals Adam und Eva gewidmet war. „Deshalb die Äpfel“, erklärt Rauel, „als Symbol der Ursünde. Und die Oblaten, also ungeweihte Hostien, galten als Symbol der Erlösung von eben dieser Sünde.“ Noch heute wächst in der Region eine Sorte kleiner, roter Äpfel, die „Christäpfel“ heißen. Dreihundert Jahre später, um 1858, hatte eine große Dürre das Elsass heimgesucht, sodass es keine Äpfel gab. „Da entschlossen sich die Glasbläser von Meisenthal, rote Glaskugeln als Ersatz zu nehmen.“ Laut Philippe Rauel war dies die Geburt der Christbaumkugeln in der Region. Hundert Jahre zuvor kamen papierne Rosen als Baumschmuck in Mode. Ende des 19. Jahrhunderts schließlich verschwanden die Oblaten von den Zweigen, stattdessen wurde mit Plätzchen und Süßigkeiten geschmückt.

Zahlreiche Weihnachtsmärkte

In der ganzen Region werden in der Adventszeit Weihnachtsmärkte gehalten. Neben dem von Sélestat lohnt der Besuch des Marktes im malerischen Colmar. Im südlich gelegenen Mulhouse, einem ehemaligen Textilindustriestandort, dekoriert man die Altstadt und den Markt mit wunderschönen Stoffornamenten. Jedes Jahr wird dafür ein neues Muster entworfen, inspiriert von Motiven aus dem Stoffdruckmuseum. Vor der neugotischen Stephanskirche darf natürlich eines nicht fehlen: ein Prachtstück von einem festlich geschmückten Tannenbaum.
In Sélestat gibt es nicht nur die Ausstellung in der Sankt-Georges-Kirche, sondern auch zahlreiche Aktivitäten rund um den Weihnachtsbaum. Darunter ist der Wettbewerb um den am schönsten dekorierten, weihnachtlichen Tisch unter dem Baum. Außerdem wird die Originalschrift aus dem Jahr 1521 gezeigt. Franz Michael Rohm (srt)

Ein riesiger Weihnachtsbaum ziert jedes Jahr den Place Kléber in Straßburg.<span class="copyright">Shutterstock</span>
Ein riesiger Weihnachtsbaum ziert jedes Jahr den Place Kléber in Straßburg.Shutterstock

Elsass

Hauptstadt Straßburg

Land Frankreich

Ausstellung zur Geschichte des Christbaumschmucks jedes Jahr in der Kirche St. Georg in Sélestat. Noch bis 5. Jänner geöffnet.

Infos zu Sélestat www.selestat.fr

Professeur Sapinus Philippe Rauel, philippe.rauel@ville-selestat.fr