Marc Girardelli

Kommentar

Marc Girardelli

Ohne Hirscher sieht es trüb aus

Sport / 28.01.2015 • 19:05 Uhr

Langsam scheint sich im Österreichischen Skiverband ein dramatisches Problem zu entwickeln, das den Ursprung im Nachwuchsbereich hat. Toni Gigers Aussage, „dass er ein wesentlich stärkeres Team übergab, als jenes, das momentan versucht, den Anschluss an die Spitze zu finden“, hat hohe Wellen geschlagen. Man braucht kein Genie zu sein um zu sehen, dass es ohne Marcel Hirscher bei uns sehr trübe aussehen würde. So scheint der frühere Cheftrainer Toni Giger wieder Morgenluft zu spüren, nachdem man ihn 2010 wegen Misserfolgs die Stiege hinauf fallen ließ und ihm einen Forschungsjob gab.

Auch Kilian Albrecht, der mit Mikaela Shiffrin eine der allerbesten Athletinnen betreut, sieht hier die Sache etwas anders: „Bei Herrn Giger verwischen sich die Grenzen zwischen Realität und individueller Wahrnehmung ziemlich arg. Schauen wir mal an, was seit damals in Slalom und Riesenslalom kam, von Läufern Jahrgang 1980 bis 1995, also alle Nachwuchsjahrgänge, wo er wirklich zuständig war. Slalom: Kein einziger Podiumsplatz außer Marcel Hirscher; wo wir alle wissen, dass er ein Produkt seines Vaters ist. Riesentorlauf: Hannes Reichelt, Philipp Schörghofer und Marcel Mathis sind die einzigen Podiumsfahrer, soweit ich mich erinnern kann. Die zwei Letztgenannten haben ihren Flow mittlerweile total verloren, seit der Materialumstellung, bei der Giger und der ÖSV maßgeblich beteiligt waren.“

So liegen Wunsch und Realität oft weit auseinander, zumindest was die Wünsche von jenen Personen betrifft, die plötzlich nicht mehr auf allen Titelseiten neben Hermann Maiers und Benjamin Raichs zu sehen sind. Skirennsport ist in den letzten Jahren unheimlich intensiv geworden und es gibt mittlerweile viele Sportarten, bei denen man mit weniger Aufwand und Risiko in die Weltspitze vordringen kann, als im Skirennsport.

Dazu kommt noch etwas Wesentliches: Heute kann wahrscheinlich kein 10-Jähriger mehr eine Feile halten und seine Skier selber schleifen und präparieren. Genauso wenig wie er dazu imstande ist, einen Slalom fürs Training selber zu stecken. Schon die Jüngsten haben die beste Ausrüstung und werden gehätschelt. Wenn dann aus einer anderen Ecke der Skiwelt ein leises Gegenlüftchen weht, fehlt die Kampfkraft und das Selbstvertrauen, um sich dagegen zu behaupten.

Skirennsport ist ein hartes Brot. Und die Aussichten auf Ruhm und Geld sind äußerst gering. Vielleicht sollte man den psychologischen Ansatz von einem perfekt vorbereiteten Training von frühester Jugend an ein bisschen abändern und wieder mehr zu den Grundwerten des Sportes gehen. Aber dafür leben wir wahrscheinlich alle zu gerne in unserer Komfortzone.

Schon die Jüngsten werden gehätschelt und vor allem behandelt, als ob sie schon die größten Stars wären.

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