Unterschiede im Größenvergleich
Sir Sebastian Coe machte in einer seiner ersten Amtshandlungen als neuer IAAF-Präsident Werbung für Usain Bolt und für die Leichtathletik. Keiner der aktuellen Sportsuperstars könne seinem jamaikanischen Superstar das Wasser reichen. Der Vergleich mit Muhammad Ali, dem Sportler des abgelaufenen Jahrhunderts, schien Coe passend. Einem old-school Sportfan wie mir wurde klar, was die schöne Redewendung „einen Vergleich strapazieren“ in der Tiefe meint. Dieser Vergleich hinkt und schmerzt!
Usain Bolt hat alle Rekorde gebrochen und seine Konkurrenten wiederholt gedemütigt, wie einst der Boxer Ali. Durch seine Dominanz hat er seine Gegner offenbar dermaßen in die Enge getrieben, dass sie fast ausnahmslos schon beim Dopen erwischt worden sind. Er selber noch nie: Für eingefleischte Fans ist er sauber. Dahinter steckt weniger lupenreine Glaubwürdigkeit als die große Angst der Fans und Profiteure, die eigene Begeisterung in Frage zu stellen oder gar aufgeben zu müssen, wie der Sportsoziologe K.H. Bette kürzlich anmerkte.
Die London School of Marketing führt 2015 Tennis-Ass Roger Federer vor Golfer Tiger Woods (?) als die weltweit am besten zu vermarktenden Sportler an. Usain Bolt ist erst an 14. Stelle gereiht. Die Argumente für diese Reihung sind nicht nur aus Rekordtafeln zu extrahieren, die Persönlichkeit oder zumindest die nach außen inszenierte und vermarktete Persönlichkeit spielt mit.
Zurück zu Bolt vs. Ali: Bolts Posen und Faxen vor und nach dem Sprint wirken wie aus einem Rappervideo und mögen Millionen Followers haben. Nach dem Sinn dahinter sucht man länger und vergeblicher als nach dem medialen Effekt der Einlagen. Auch Ali konnte mit clownesken Selbstinszenierungen und sogar Gedichten verstören und begeistern. Die Gemeinsamkeiten erschöpfen sich mit Erfolgen, körpersprachlicher Eleganz und Showeinlagen. Ali beindruckte auch außerhalb der Ringseile mit unbequemem gesellschaftspolitischem Engagement gegen die Diskriminierung der Schwarzen. Seine treffsicher argumentierte Wehrdienstverweigerung bescherte dem Champ eine mehrjährige Haftstrafe, den Entzug der Boxlizenz aber auch die Gefolgschaft von Menschen wie dem Pulitzer-Preisträger Norman Mailer.
Wer zu Alis Glanzzeiten, um fünf Uhr früh, im Pyjama und leicht schlaftrunken neben einem faszinierten Vater vor dem Schwarzweiß-Fernseher kauerte und das Gefühl mit jenem vergleicht, das ihn bei den Auftritten des Laufgenies beschleicht, der weiß, es liegen nicht nur Jahre, sondern Welten dazwischen.
Usain Bolt hat alle Rekorde gebrochen und seine Konkurrenten wiederholt gedemütigt, wie Muhammad Ali.
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