Unerwarteter Ausgang
Alle österreichischen Athleten haben gekämpft wie Löwen; alle haben aus optischer Perspektive gute Fahrten auf die Olympiapiste gezaubert; alle waren sie im Ziel maßlos enttäuscht. Wie kann es sowas überhaupt geben?
Denn: Nach dem Sturm herrschten überraschend gute und faire Verhältnisse während des gesamten Rennens. Eigentlich die besten Voraussetzungen, den „Goldrun“, den Hirscher angestoßen hatte, weiterzuführen.
Wenn man als Vergleich zu unseren Cracks die beiden siegreichen Norweger heranzieht, fällt auf, dass sie keinesfalls fehlerfreie Fahrten hatten, im Gegenteil. Sie hatten sichtbare Rutscher und Unsicherheiten drin. Vor allem Aksel Lund Svindal trieb es im oberen Teil der Abfahrt weit unter die Tore und er hatte immer wieder Probleme danach, auf die Ideallinie zu kommen. Erst ab der Mitte des Rennens, wo das Gelände flacher wurde, schaffte er es, die Kurven auch schön in Hocke durchzuziehen. Unsere Athleten hingegen fuhren von oben bis unten wie auf dem Reißbrett. Keine Unsicherheit, kein Abweichen von der Ideallinie, aber großes Kopfschütteln im Ziel.
Auch wenn ich die verschiedenen Skier nicht selbst gesehen habe, liegt der Schluss nahe, dass die Norweger von den Kanten her eine andere Skipräparation hatten. Und zwar in eine Richtung, dass die Kanten eher rutschten als einen satten Grip auf diesem aggressiven und kalten Schnee hatten.
Ich hatte vor vielen Jahren selber eine ähnliche Erfahrung bei einer Abfahrt in Saalbach gemacht. Da versuchte ich mal mit meinem Riesenslalom-Skischuh die kurvige Abfahrt zu bewältigen und verlor bei beiden Trainings jeweils 2,5 Sekunden. Aus Verzweiflung wechselte ich beim Rennen auf den üblichen, weicheren Abfahrtsschuh, obwohl ich von oben bis unten mit Rutschen und Fehlern zu kämpfen hatte. Ein scheußliches Gefühl! Im Ziel war ich mit 2/10 Sekunden Rückstand in Schlagweite des Siegers.
In Korea hat sich wieder einmal gezeigt, dass manche Rennen nicht nur mit hundert Prozent Risiko gewonnen werden, sondern ab und an auch mit Intelligenz.
Das fast 50-köpfige Wissenschafts-Team um Toni Giger scheint wieder einmal auf dem falschen Dampfer gewesen zu sein. Eine Chance haben die Wissenschaftler aber noch, denn vom technischen Standpunkt aus können unsere Jungs nicht besser speedfahren.
„Unsere Athleten hingegen fuhren von oben bis unten wie auf dem Reißbrett.“
Marc Girardelli
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Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.
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