Warum ÖFB-Präsident Leo Windtner die direkte Quali für die EURO 2020 schaffen will

Sport / 20.03.2019 • 16:30 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Von der Arbeit des Teamchefs Franco Foda (links) zeigt sich ÖFB-Präsident Leo Windtner begeistert. gepa
Von der Arbeit des Teamchefs Franco Foda (links) zeigt sich ÖFB-Präsident Leo Windtner begeistert. gepa

Infrastrukturfrage hat zudem Dringlichkeitsstufe eins.

Lech Zwei Sonnen-Skilauftage am Arlberg als Einstimmung für die erste EM-Quali-Woche. Im Ländle holte sich der 68-jährige, passionierte Skiläufer also bei besten Schneebedingungen die Kraft für die anstehenden Quali-Spiele und das wichtige Fußballjahr für den Österreichischen Fußball-Bund. Dass die EM-Teilnahme von den Fans erwartet wird, ist für Leo Windtner zusätzliche Motivation. Zumal der Oberösterreicher seinen Teamchef und dessen Arbeit in höchsten Tönen lobt. Im Gespräch mit den VN machte sich der ÖFB-Präsident Gedanken zum Fußball im Allgmeinen.

Es fällt auf, wie voll des Lobes Sie über den Teamchef sind.

Ich sehe ja, wie viele Kilometer Franco Foda und sein Team reisen, um den Kontakt zu halten und wie darauf geachtet wird, dass die Empathie innerhalb der ganzen Truppe stimmt.

Doch mit dem Beginn der EM-Qualifikation sind vor allem Ergebnisse gefragt. Die EM-Endrunde ist das Ziel, weil . . .

. . .weil wir die Qualität haben, weil man den unbedingten Willen bei den Spielern spürt, es zu schaffen. Und wer es unbedingt will, der wird es auch schaffen. Deshalb ist das Ziel, die direkte Qualifikation für die Endrunde 2020, klar definiert.

Garantie dafür gibt es aber wohl keine?

Ich kann es nur nochmals wiederholen: So wie Franco Foda und sein Team jeden Kandidaten beobachtet und analysiert haben und direkt mit allen in Kontakt waren, das hat es in der Geschichte des ÖFB noch nicht gegeben. Bei aller Wertschätzung der vorherigen Teamchefs.

Was würde eine Nichtteilnahme für den Fußballbund bedeuten? Finanziell und sportlich?

Wir sind finanziell seitens des ÖFB sehr gut aufgestellt. Das zeigt auch, dass wir mit VW einen globalen Player als Mobilitätssponsor gewinnen konnten. Das ist sicherlich das primäre Thema, wohl wissend, dass der wirtschaftliche Erfolg auch vom sportlichen abhängt. Gerade in diesem Jahr mit der EM-Qualifikation des A-Teams, der EM-Teilnahme der U-21-Mannschaft können wir wirklich Highlights für die Fans bieten, die an das Jahr 2015 erinnern.

Nicht zuletzt deshalb dürfte Ihnen die EURO für das U-21-Team wohl sehr große Freude bereiten?

Ich war im ÖFB, auch mit Willi Ruttensteiner, über viele Jahre für die Nachwuchsentwicklung zuständig. Wir ernten nun die Früchte dafür, was wir damals als Grundlage geschaffen haben. Die erstmalige Teilnahme ist deshalb für uns etwas ganz Besonderes.

Das Thema Ashley Barnes möchte ich gerne ansprechen. Seitens des ÖFB war man sich ja der Einbürgerung des Premier-League-Stürmers sicher, bis das Innenministerium dem Ansinnen einen Riegel vorgeschoben hat. War das angestrebte Verfahren eine Fehleinschätzung seitens des Fußballbundes?

Die Enttäuschung war groß bei uns allen. Das Thema zeigt, wie in Österreich der Wind dem Thema Sport entgegenweht. Seitens des ÖFB wurde alles getan, auch die Unterstützung des Sportministeriums war gegeben. Deshalb haben wir uns nichts vorzuwerfen. Die Entscheidung ist zu akzeptieren.

Bleiben wir ein wenig politisch und reden über die Pläne für ein Nationalstadion. Wie ist der Stand?

Seitens des ÖFB sind wir in konstruktiven Gesprächen mit der Stadt Wien. Der Sportminister ist ebenfalls interessiert daran, dieses Projekt zu realisieren. Es geht für uns aber nicht allein um ein Stadion, vielmehr auch um ein Trainingszentrum für die Nationalteams und es geht um ein Headquarter für den Fußballbund. Fakt ist: Schlägt das Team seine Zelte in Wien auf, müssen wir stets im Vorfeld abklären, wo trainiert werden kann. In räumlicher Hinsicht fehlt uns im Sekretariat ein Sitzungssaal, selbst für einen Präsidenten steht kein Büro zur Verfügung. Diesbezüglich gehören wir europaweit zum hinteren Dritte, was auch eine nüchterne Analyse durch den europäischen Verband (UEFA) beweist: In der Auflistung der 55 Nationen gehört Österreich hinsichtlich Infrastruktur für Nationalteams und Verband zu den 15 am schlechtesten bewerteten. International gibt es viele Beispiele dafür, dass nachhaltiger Erfolg auf einer funktionierenden Infrastruktur basiert. Der Kosovo baut, Albanien hat ein neues Nationalstadion, in Belgrad entsteht ein 50.000er-Stadion, Budapest verfügt BALD über eine neue Arena für 68.000 Zuschauer. In Tschechien entstand ein Headquarter für den Verband um 40 Millionen Euro. Doch da geht es nicht nur um Fußball, da geht es um den gesamten Sport in Österreich, der trotz aller politischen Ankündigungen nach wie vor im dritten Rang steht.

Es wäre also wichtig, nicht nur bei Erfolgen in den Sport zu investieren?

Richtig! Schauen wir uns das Projekt Red Bull Salzburg an. Es wurde anfangs stark kritisiert und ist heute akzeptiert. Da wurden die Voraussetzungen für eine Infrastruktur, für ein funktionierendes Management geschaffen, die einfach notwendig sind, um nachhaltig Erfolg haben zu können.

Ein Kompetenzzentrum für den ÖFB ist also dringend notwendig?

Es ist akuter Bedarf, weil wir ansonsten, infrastrukturell hoffnungslos zurückfallen im Vergleich zu anderen Nationen.

Gibt es konkrete Pläne?

Es gibt mehrere Alternativen, prioritärer Standort ist der Prater. Es ist die historische Fußballarena schlechthin. Auch die Infrastruktur rund um das Stadion ist ideal, aber die Stadt Wien muss auch wollen. Seitens des Fußballbundes ist klar, dass noch dieses Jahr eine Weichenstellung passieren muss. Sollte dies nicht passieren, dann werden wir uns auch außerhalb von Wien umsehen.

Wie soll das Trainingszentrum aussehen?

Es gibt die konkrete Vorstellung, dass den Nationalteams, A-Team, Frauenteam und Nachwuchsmannschaften, drei, vier Plätze zur Verfügung stehen müssen. Wir haben uns in Brüssel den belgischen Verband angeschaut. Da stehen den Teams sechs Plätze, inklusive Kunstrasen zur Verfügung und nun werden vier Plätze neu dazugebaut.

Kann man diesbezüglich seitens europäischen Verbandes auch mit finanzieller Unterstützung rechnen?

Natürlich gibt es eine finanzielle Hilfe. Darüber hinaus ist Wien bei der UEFA vielleicht die beliebteste Host-City für Fußball-Events in Europa.

Dennoch muss jede Bewerbung derzeit hintan gestellt werden.

Wir wären das Thema Europa-League-Finale 2021 ernsthaft angegangen. Die Unterlagen haben wir uns besorgt, aber es war schnell klar, dass unter den gegebenen Voraussetzungen eine Bewerbung keinen Sinn gemacht hätte. Das hätte Millionen Euro verschlungen.

Sprechen wir über die Veränderungen, die im internationalen Fußball passieren. Wie stehen Sie zu den Plänen, die WM 2022 für 48 Nationen zugänglich zu machen und die Klub-WM aufzustocken?

In einem Gespräch mit dem Emir von Katar hat er mir gegenüber klargestellt: Es ist nicht möglich. Die Infrastruktur sei für 32 Nationen ausgelegt. In der jetzigen Phase noch mit weiteren Ländern eine Vereinbarung zu treffen, ist sicherlich zu spät. Wir wissen selbst seit der EURO, welche Probleme sich ergeben können, wenn zwei Nationen mit verschiedenen Steuersystemen ein gemeinsames Großevent austragen.

ÖFB-Präsident Leo Windtner (links) nahm sich während seines Aufenthaltes in Lech Zeit für ein langes Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam. Adam
ÖFB-Präsident Leo Windtner (links) nahm sich während seines Aufenthaltes in Lech Zeit für ein langes Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam. Adam

Thema dritter Europacup?

Es ist grundsätzlich ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die finanziellen Dotationen stimmen werden. Die Schere zwischen Arm und Reich bei den Klubs geht noch immer massivst auseinander. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, dass Real Madrid allein unter dem Titel „History“ 35 Millionen Euro einstreicht. Es muss der Schritt kommen, dass der Turbo-Kapitalismus den Fußball nicht total erfassen darf, weil er auch eine Krisengefahr in sich birgt.

Macht Ihnen die Entwicklung des Fußballs Sorgen?

Natürlich ist der Fußball der marktwirtschaflichen Entwicklung verpflichtet. Es darf aber nicht passieren, dass der Fußball so weit auseinanderdriftet, dass nur noch wenige Klubs sich die Titel ausmachen. Das Wichtigste ist, dass das David-Goliath-Prinzip nicht total verloren geht und dass es nicht eine Zwei- oder Dreiklassengesellschaft gibt. Klar, es braucht die Topklubs. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Fußball dort passiert, wo auch Stars wie Ronaldo oder Messi angefangen haben. Deshalb muss die Basis gestärkt werden. Das Kapital des Fußballs sind die Fans. Der Weg, den Fußball kapital-getaktet an den Fans vorbei zu lenken, führt ins Abseits. Das wirft die Frage auf, inwieweit Fußball noch Allgemeingut ist. Das soll er trotz allem wirtschaftlichen Zwang, den die Klubs haben, auch bleiben.

Adi Hütter macht einen sensationellen Job bei Eintracht Frankfurt. Verfolgen Sie seinen Werdegang?

Natürlich, wir sind auch in Kontakt. Es ist kein Geheimnis, dass er ein interessanter Trainer ist. Für die Furore, für die er derzeit in Deutschland sorgt, kann Fußball-Österreich kann ihm nur dankbar sein.

Für Furore möchte auch das Nationalteam in der Quali sorgen. Haben Sie bei der Auslosung geschmunzelt, als Israel gezogen wurde?

Spontan ja. Gerade in der Öffentlichkeit ist das Spiel hochinteressant, aber wir werden es ganz nüchtern angehen.

Sind die ersten beiden Spiele gegen Polen und Israel der Schlüssel für eine erfolgreiche Qualifikation?

Es sind Weichenstellungen, mehr nicht. Auch die Quali für 2016 haben wir mit einem Remis begonnen. Natürlich wäre ein Sieg zum Start ideal, aber wir verfügen vom Spielermaterial über das Potenzial bis zum Schluss dabeizubleiben. Der Wille ist da, es in der ersten Phase zu schaffen und nicht auf das Hintertürchen Nations League angewiesen zu sein.

Drei Stichworte, die den Teamchef beschreiben?

Er ist ein unheimlich gelassener Typ, ein Berserker von einem Arbeiter und letztlich auch von der Lockerheit bestimmt, die man für diesen Job braucht.