Ein Schweizer Problem
Vincent Kriechmayr gewinnt die Lauberhorn-Abfahrt überlegen, ohne einen Trainingslauf. Das hat es noch nie gegeben. Auch, dass er meines Wissens nach der erste Läufer seit Toni Sailer 1956 in Cortina ist, der mit einem Stemmbogen ein Rennen für sich entscheidet ist genauso einzigartig.
Die außerordentliche Startgenehmigung für Kriechmayr und vor allem der überragende Sieg am Samstag in der Abfahrt beschäftigt die Schweizer über die Maßen. Hintergrund ist, dass Kriechmayr wegen seiner Quarantäne kein offizielles Training absolvieren konnte und durch einen nur zwei Sekunden dauernden Trainingslauf, der sofort hinter der Startschranke wieder abgebrochen wurde, das Reglement erfüllte. So konnte er bei dem traditionsreichen Rennen am Lauberhorn teilnehmen.
Materialfrage? Nein
Wäre Vinc „nur“ eine Top-10-Platzierung gelungen, hätte wohl kein Hahn danach gekräht. Aber mit seinem Sieg „stahl“ er Beat Feuz den vierten Triumph auf der Abfahrt von Wengen. Feuz den Uralt-Rekord von Franz Klammer brechen können. Der Schweizer Präsident Urs Lehmann wettert über „die größte Sauerei, die jemals passiert ist.“ Das Argument, dass FIS-Präsident Johan Eliasch als ehemaliger CEO ein Naheverhältnis zu Head habe und unbedingt einen Head-Gewinner wollte, sticht nicht. Denn Feuz fährt ja auf demselben Material.
Unbestrittene Leistung
Derweil hatte es in der Vergangenheit auch schon Entscheidungen gegeben, bei denen die Eidgenossen, oder andere Nationen, bevorteilt wurden. Das passiert im Rennsport immer wieder und kann auch niemals ausgeschlossen werden. Die Leistung von Kriechmayr bleibt unbestritten und es ist schade, dass diese in der Schweiz keine Anerkennung findet. Oder gibt es da vielleicht einen anderen Grund für diese aggressive Positionierung von Lehmann?
Ressentiments
Vielleicht entstand die heftige Reaktion des Schweizers auch eher wegen der allzu sicher geglaubten Wahl zum FIS-Präsidenten, die er unerwartet gegen Eliasch verloren hatte. Dass daraus eine kleine Trotzreaktion erwächst, ist nicht von der Hand zu weisen. In diesem Kontext könnte man diese Reaktion eher verstehen.
„Hätte Vincent Kriechmayr eine Top-10-Platzierung erreicht, hätte kein Hahn danach gekräht.“
Marc Girardelli
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Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.
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