Ein neuer Skiplanet präsentiert sich
So früh am Morgen stehe ich normalerweise nicht gerne auf. Aber gestern war das anders. Ich war richtig neugierig, wie das erste Abfahrtstraining im neuen Ski-Land China aussieht. Und ich muss sagen, es hat mich beeindruckt. Nicht nur, dass weit und breit kein Schnee zu sehen ist neben den paar schmalen Schneebändern, auf denen alle Rennen stattfinden. Sondern auch die überraschend interessante Abfahrt an sich. Die kalten Temperaturen von minus 20 Grad sorgen für perfekte Pistenverhältnisse und ermöglichen Höchstgeschwindigkeiten von 140 Stundenkilometern. Das Gefälle vom Start bis zum Ziel ist hier größer als auf der Streif in Kitzbühel, dafür enthält sie aber keine klassischen Gleitpassagen. Was im oberen Teil heraussticht, sind ein paar schräge Anfahrten auf Sprünge, die mehreren Läufern zum Probleme wurden, doch zu keinen Stürzen führten. Stürzen möchte ich hier aber auch nicht, denn man würde ohne die A-Netze in mehrere Hundert Meter tiefe Felsschluchten fliegen.
Die Versuchskaninchen beim ersten Trainingslauf waren die vorderen Startnummern. Davon betroffen waren unsere ÖSV-Asse, die logischerweise nicht ganz vorne landeten. Das sollte sich aber bis zum Rennen ausgleichen, denn die technischen Schwierigkeiten auf dieser Strecke sind überschaubar.
Aggressiver Schnee
Ich denke auch, dass hier das Material eine entscheidende Rolle spielt, eben wegen der kalten Temperaturen. Minimale Korrekturen an den Schliffen oder am Kanting der Skischuhe können dabei Gold bedeuten oder im Desaster enden. Das haben wir auch schon bei der letzten Olympiade im koreanischen Pyeongchang erlebt. Der aggressive Schnee ist nicht jedermanns Sache. Sogar ein Marcel Hirscher musste das im Slalom bitter erfahren. In den Speed-Disziplinen wirkt sich das noch schlimmer aus. Die Routiniers Vincent Kriechmayr und vor allem Olympiafuchs Matthias Mayer werden hier sicherlich das Optimum herauskitzeln.
„Das Gefälle vom Start bis zum Ziel ist auf der olympischen Herrenabfahrt größer als auf der Streif in Kitzbühel.“
Marc Girardelli
sport@vn.at
Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.
Kommentar