Rangnick, Fußballakademie und eine Strategiedebatte

Sport / 21.04.2026 • 16:30 Uhr
Rangnick, Fußballakademie und eine Strategiedebatte
Auch für die taktische Ausrichtung interessierte sich Josef Pröll.Roland Paulitsch

ÖFB-Chef Josef Pröll auf Besuch bei der Fußballakademie Vorarlberg. Immer im “Gepäck” die Teamcheffrage.

Bregenz-Hohenems Knapp ein Jahr ist vergangen, seit Josef Pröll anlässlich der ordentlichen ÖFB-Bundeshauptversammlung in Bregenz zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden des Fußballbundes gewählt wurde. Ein Jahr, in dem der Ex-Politiker für eine neue Gesprächskultur innerhalb des Präsidiums gesorgt hat und in dem die Ruhe, Klarheit, aber auch die Bestimmtheit in seinen Auftritten die über Jahre hinweg zerstrittene Verbandsspitze in einem neuen Licht erscheinen lässt.

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Auf seiner Bundesländertournee besuchte der 57-Jährige den Ländle-Verband und machte sich auch ein Bild von der Fußballakademie in der Mehrerau. Seinen Eindruck sowie seine Position zu aktuellen Themen verriet er während des Besuchs im VN-Gespräch.

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Der ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzende Josef Pröll im Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam.Dietmar Stiplovsek Pauschal

Ihr Eindruck von der AKA Vorarlberg?

Baulich natürlich etwas in die Jahre gekommen, aber der Mindset und von den Trainern sowie der Gesamtaufstellung sehr gut. Es gibt ein tolles Konzept für die Akademiearbeit der Zukunft, das konsequent umgesetzt wird. Seitens des ÖFB sind wir insgesamt gefordert, uns mit der Bundesliga in Sachen Strategiedebatte, die Leistungszentren bzw. Akademien betreffend, exakt auseinanderzusetzen. Heißt: Wie viel können wir uns leisten, was wollen wir uns leisten, wo sind die Schwerpunkte, was sind aktuell die Trainingsmethoden? Nach Jahren, in denen sich nichts verändert hat, wollen wir alles auf den Prüfstand heben und neu bewerten. Es gilt zu schauen, was die Akademien zum Spitzenfußball beitragen, was der Output ist, wo die ausgebildeten Spieler landen, wie viele es an die Spitze im Profisport schaffen. Für die Antwort auf die Frage, ob alles noch zeitgemäß ist, lasse ich natürlich die Experten diskutieren. Aber nichts ist so gut, dass es nicht noch besser gemacht werden kann. Deshalb war es mir wichtig, ein Bild von der Arbeit und den Arbeitsverhältnissen aller Akademien und Leistungszentren zu machen.

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Alle Räumlichkeiten der Fußballakademie ließ sich Josef Pröll zeigen.Roland Paulitsch

Ihr Resümee nach einem Jahr an der Spitze des Verbandes?

Ich bin extrem positiv überrascht von der Dynamik im österreichischen Fußball. Vor allem deshalb, weil ich bei meiner Nominierung vor der Situation im ÖFB, die ich antreffen werde, gewarnt wurde. Ich nenne nur Grabenkämpfe, Zersplitterung, Streit und Hader als Stichworte. Und so hat für mich am 18. Mai eine Reise mit vielen Unsicherheiten begonnen. Deshalb bin ich von der Entwicklung sehr positiv überrascht. Klar, wir haben den Rückenwind der sportlichen Erfolge mit der WM-Quali und der U17-WM in Doha, aber auch organisatorisch ist uns schon viel gelungen. Am ÖFB-Campus ist diese Aufbruchsstimmung extrem spürbar. Mein Vorteil war sicher, dass ich mit all den Grabenkämpfen zuvor absolut nichts zu tun hatte. Von Beginn an habe ich bei den Aufsichtsratssitzungen klargestellt: Geschichte ist Geschichte, jetzt schauen wir in die Zukunft. Die Konsolidierung ist nach einem Jahr noch nicht ganz gelungen, aber sie ist auf einem guten Weg. Unsere Kernaufgabe ist es, für den Sport zu werben. Da kann intern natürlich heftig diskutiert werden, aber nach außen gilt es, unsere Sache

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Im Gespräch mit AKA-Leiter Didi Berchtold.Roland Paulitsch

Die WM-Endrunde in den USA, Kanada und Mexiko rückt näher. Ganz ehrlich, wie geht es Ihnen persönlich mit der Vorfreude angesichts der weltpolitischen Situation?

Ich freue mich extrem für die Mannschaft und das Betreuerteam. In die Augen in den Gesichtern aller Beteiligten nach dem 1:1 gegen Bosnien-Herzegowina geschaut zu haben, hat mich geprägt. Da war pure Euphorie, Erleichterung und Vorfreude zu sehen. Das übertüncht alles. Aber klar, es liegt ein Schatten über der WM. Die Ereignisse rund um den Iran-Krieg und auch um Donald Trump in den USA. Das darf uns jedoch nicht in der Vorbereitung, sportlich und organisatorisch, ablenken. Wir sind ein Fußballverband und müssen alles unternehmen, um sportlich erfolgreich sein zu können. Deshalb geht es mir gut mit dem Gedanken an die WM.

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Informierte sich: Josef Pröll.Roland Paulitsch

Weniger gut geht es Josef Pröll beim Gedanken an die WM-Zahlungen der FIFA. Fix kalkuliert der ÖFB, wie der Aufsichtsratsvorsitzende anlässlich der Jahrestagung der Sportjournalisten-Vereinigung “Sports Media Austria” verriet, derzeit nur mit rund neun Millionen Euro. Man bewege sich im Bereich der EURO 2024, so Pröll. Allein die Kosten für die gesamte Organisation seien damals in Deutschland um einiges niedriger gewesen. Hinzu kommen die unterschiedlichen Steuersysteme in den US-Bundesstaaten. “Wir können derzeit nicht sagen, welchen Profit es für den ÖFB gibt, wenn es überhaupt einen gibt.” Das wiederum hätte auch Auswirkungen auf die Landesverbände und die Bundesliga.

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Josef Pröll zu Besuch in der Fußballakademie, gemeinsam mit VFV-Sportdirektor Andreas Kopf, VFV-Geschäftsführer Horst Elsner, VFV-Präsident Alfons Kirchmann, Mehrerau-Schulleiter Christian Kusche und Akademie-Leister Didi Berchtold (von links).Roland Paulitsch

Was den Teamchef und die Verlängerung seines Vertrags betrifft, so verzichtet Pröll auf “Wasserstandsmeldungen”, zumal schon durchgesickert ist, dass der Gehalt auf zwei Millionen Euro jährlich verdoppelt werden soll – auch dank zahlreicher Sponsoren. “Wir tauschen uns immer offen aus”, so Pröll, der sich eine Einigung vor dem WM-Start vorstellen kann, aber nicht für zwingend notwendig hält. “Wir werden schauen, ob es vor oder nach der WM möglich ist, aber ich denke, es ist vor der WM möglich.” Ein Satz, der doch eine leichte Tendenz enthält.