Grenzerfahrung nördlich des Polarkreises

Sport / 18.06.2026 • 15:32 Uhr
Anna-Sophie Meusburger Bezau
Die Strecke führte über endlos lange Landstraßen.

Die Bezauerin Anna-Sophie Meusburger berichtet von einem
außergewöhnlichen Ultralauf durch Schweden.

Bezau Als Anna-Sophie Meusburger nach exakt 165 Stunden und 57 Minuten das Ziel in Malmö erreicht, liegen 2057 Kilometer hinter ihr und ihrem Team. Die 23-jährige Bezauerin hat selbst 202 Kilometer laufend zurückgelegt, insgesamt in sieben Tagen nur rund neun Stunden geschlafen und Erfahrungen gesammelt, die weit über sportliche Leistungen hinausgehen. Denn der Lauf quer durch Schweden war mehr als ein Ultralaufprojekt. Es war ein Experiment darüber, was passiert, wenn zwölf völlig fremde Menschen eine Woche lang auf engstem Raum zusammenleben und gemeinsam an ihre Grenzen gehen.

Anna-Sophie Meusburger Bezau
Das zwölfköpfige Team mit Anna-Sopie Meusburger (vorne links) lernte sich erst in Kiruna kennen.
Grenzerfahrung nördlich des Polarkreises

Laufen, Kochen und Autofahren

Der Startschuss fiel in Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens. Rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen, gilt sie als die arktische Hauptstadt des Landes. Das Ziel befand sich am anderen Ende des Landes: Malmö, die drittgrößte Stadt Schwedens mit rund 300.000 Einwohnern. Dazwischen lagen endlose Wälder, einsame Landstraßen, Regen, Schlafmangel und zahlreiche Herausforderungen.

Anna-Sophie Meusburger Bezau

Auf das Projekt aufmerksam geworden war Meusburger durch Organisator Mischa Bischoff, einen Personaltrainer aus Hamburg, der das außergewöhnliche Ultra-Running-Abenteuer ins Leben gerufen hatte. Die Bregenzerwälderin bewarb sich erfolgreich und wurde Teil eines zwölfköpfigen Teams, dessen Mitglieder sich vor dem Start nicht kannten.

Grenzerfahrung nördlich des Polarkreises

Gerade dieser Umstand machte die Herausforderung besonders. Unterschiedliche Persönlichkeiten, verschiedene sportliche Hintergründe und eine Woche unter Bedingungen, die wenig Raum für Rückzug ließen. Die Gruppe war mit zwei Campern unterwegs, die für sieben Tage gleichzeitig Wohnraum, Küche, Schlafzimmer und Transportmittel waren.

Anna-Sophie Meusburger Bezau
Anna-Sophie Meusburger Bezau

Der Ablauf war ursprünglich streng getaktet. Jeder Läufer absolvierte jeweils fünf Kilometer, bevor an den nächsten Teamkollegen übergeben wurde. Dadurch stand für jeden etwa alle drei Stunden ein neuer Laufeinsatz an – unabhängig davon, ob gerade Tag oder Nacht war.

Grenzerfahrung nördlich des Polarkreises

Ursprünglich gab es einen genauen Plan für die Abläufe zwischen den einzelnen Einsätzen. Nach dem Laufen waren 40 Minuten zum Essen und Erholen geplant, anschließend waren Fahrdienste oder andere Aufgaben vorgesehen. Doch nach kurzer Zeit zeigte sich, dass Theorie und Praxis weit auseinanderliegen. „Im Prinzip hat jeder alles gemacht. Egal, wo etwas zu tun war, hat man angepackt“, so Meusburger. Während ein Camper den jeweils laufenden Athleten begleitete, fuhr das zweite Fahrzeug mit den übrigen Teammitgliedern voraus, um den nächsten Wechselpunkt vorzubereiten.

Grenzerfahrung nördlich des Polarkreises

Hinzu kamen die äußeren Bedingungen. In den ersten Tagen herrschte nördlich des Polarkreises nahezu durchgehend Helligkeit. Die Sonne verschwand kaum hinter dem Horizont, die Nächte wirkten wie ein langer Abend. „Die ersten vier Nächte war durch das Polarlicht eigentlich nie wirklich Nacht und man hat komplett von den Tageszeiten nichts gespürt“, sagt Meusburger.

Grenzerfahrung nördlich des Polarkreises

Was zunächst faszinierend klingt, hatte auch praktische Vorteile. Gelaufen wurde oft auf Landstraßen durch dünn besiedelte Hügelregionen. Die permanente Helligkeit erleichterte die Orientierung und erhöhte die Sichtbarkeit der Läufer. Dennoch blieb die Strecke nicht ungefährlich. Mehrmals passierten Lastwagen die Athleten in unmittelbarer Nähe.

Grenzerfahrung nördlich des Polarkreises

4:38 Minuten pro Kilometer

Die körperliche Belastung war enorm. Meusburger absolvierte ihre 202 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4:38 Minuten pro Kilometer. Das gesamte Team erreichte über die Distanz hinweg eine Durchschnittspace von 4:50 Minuten pro Kilometer – ein bemerkenswertes Tempo angesichts der Länge der Strecke und der geringen Regenerationszeiten.

Für die Bezauerin war die Teilnahme auch ein weiterer Schritt auf ihrem sportlichen Weg. Als Jugendliche gehörte sie zu Österreichs besten Mittelstreckenläuferinnen. 2019 nahm sie an den Europäischen Olympischen Jugendspielen teil und wurde über 3000 Meter Achte. Doch der klassische Leistungssport verlor mit der Zeit seinen Reiz. Fünf Ermüdungsbrüche innerhalb von fünf Jahren zwangen sie immer wieder zu Pausen.

Anna-Sophie Meusburger Bezau
Anna-Sophie Meusburger Bezau

Die Konsequenz war eine Neuorientierung. Statt auf der Bahn suchte Meusburger ihre Herausforderungen in den Bergen und auf langen Distanzen. Im Frühjahr absolvierte sie den Vienna Marathon in 3:19:05 Stunden. Das Trailrunning und der Ultralaufsport bieten ihr jene Mischung aus Abenteuer und Ausdauer, die sie im klassischen Wettkampfsport zuletzt vermisst hatte.

Anna-Sophie Meusburger Bezau

Die Leidenschaft für außergewöhnliche Herausforderungen liegt in der Familie. Ihr Bruder Maximilian Meusburger zählt zu den besten Trailrunnern in Europa. Auch die Eltern Andrea und Christian sind begeisterte Ausdauersportler.
Viel Zeit zum Ausruhen blieb Meusburger allerdings nicht. Derzeit studiert sie Tourismusmanagement in Innsbruck und wird in zwei Wochen ihren Bachelor abschließen. Anschließend plant sie den Einstieg in das Familienhotel Sonne in Bezau.

Laufsport Berglauf Maximilian und Anna-Sophie Meusburger
Mit Papa Christian, Mama Andrea und Schwester Anna-Sophie lebt Maximilian (v.r.n.l.) in Bezau.

Die Rückreise von Schweden nutzte sie für eine kurze Regeneration. Nachdem sie gemeinsam mit zwei Teamkollegen die Camper bereits vor dem Rennen von Hamburg nach Kiruna gebracht und nach dem Zieleinlauf wieder retour gefahren hatte, ging es mit dem Zug zurück nach Tirol. „Auf der Zugfahrt habe ich aber die Gelegenheit dazu genützt, wieder einmal sechs Stunden am Stück zu schlafen.“
Der nächste sportliche Höhepunkt wartet bereits: Ende August wird Meusburger beim Transalpine Run an den Start gehen. Die mehrtägige Veranstaltung führt von Lenzerheide quer durch die Schweizer Alpen bis zum Lago Maggiore. Mehr als 250 Kilometer und rund 15.000 Höhenmeter stehen dabei auf dem Programm.