Marc Girardelli

Kommentar

Marc Girardelli

Kommentar: Das große Erwachen

Sport / 27.10.2026 • 10:51 Uhr

Nach dem vergangenen Rennwochenende in Sölden bleibt bei mir eine gewisse Ernüchterung zurück. Ich hatte mir vom Saisonauftakt unserer Athleten ehrlich gesagt deutlich mehr erhofft. Vor allem bei den Damen scheint sich über den Sommer erschreckend wenig verändert zu haben.

Natürlich war der Ausfall von Julia Scheib besonders bitter. Nach einem vielversprechenden Start wurde sie durch einen spektakulären Highsider aus dem Rennen katapultiert. Glücklicherweise blieb sie dabei unverletzt.                            Doch abgesehen von Franziska Gritsch, die mit nur einer Sekunde Rückstand immerhin auf Rang neun landete, sieht die Bilanz ziemlich düster aus. Nicht weniger als sieben Österreicherinnen verpassten die Qualifikation für den zweiten Durchgang. Ein ernüchterndes Ergebnis, das Fragen aufwirft.

Besonders bemerkenswert fand ich in diesem Zusammenhang den Live-Kommentar von Damentrainer Zöchling über Ricarda Haaser: “Die Rici Haaser hat mir sehr gut gefallen, wie aggressiv sie in den Steilhang gefahren ist.” Das ist ungefähr so, als würde man einem Lemming zurufen: “Beeindruckend, wie mutig du dich über die Klippe gestürzt hast. Beim nächsten Mal musst du nur noch fliegen!”

Bei den Herren hingegen sehe ich ein erfreuliches Potenzial. Ein Ausfall wie jener von Marco Schwarz kann immer passieren. Sölden gehört schließlich zu den anspruchsvollsten Riesenslaloms im Weltcup, nicht zuletzt wegen der oft schwierigen Sichtverhältnisse. Auch Lucas Pinheiro Braathen musste im ersten Durchgang gleich zweimal sein ganzes Können aufbieten, um einen Ausfall gerade noch zu verhindern.

Genau darin liegt aber der Unterschied zwischen den Allerbesten und der erweiterten Weltklasse. Ein Odermatt oder Pinheiro Braathen kann sich selbst aus beinahe aussichtslosen Situationen noch retten. Andere schaffen das eben nicht. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck außergewöhnlicher skifahrerischer Klasse.

Immerhin zeigte Stefan Brennsteiner mit einem fulminanten ersten Durchgang, welches Potenzial in ihm steckt. Jetzt weiß er zumindest, dass er ganz vorne mitfahren kann. Allerdings werden Podestplätze im Weltcup nicht verschenkt. Diese Erfahrung musste er im zweiten Durchgang einmal mehr machen. Wer ganz nach oben will, muss zwei Läufe auf höchstem Niveau ins Ziel bringen.

Wirklich beeindruckt hat mich hingegen unser Weltmeister Raphael Haaser. Dass der steile Mittelteil nicht unbedingt zu seinen Stärken zählt, war bekannt. Umso bemerkenswerter war seine Leistung im flacheren Zielabschnitt. Sowohl im ersten als auch im zweiten Durchgang dominierte er diesen Streckenteil mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit.

Wäre das Rennen nur drei Tore länger gewesen, hätte er wohl auf dem Podest gestanden. Seine Leistung macht jedenfalls Hoffnung für die kommenden Rennen in den USA, wo ihm sein außergewöhnliches Gleitvermögen zugutekommen könnte.

Sölden hat gezeigt: Bei den Herren ist Potenzial vorhanden, bei den Damen bleibt viel Arbeit. Der Winter hat gerade erst begonnen, doch die Schonfrist ist bereits vorbei.

Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.