Kälberexporte als Symptom eines schiefen Systems

HEUTE • 14:23 Uhr
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Wütende Proteste der europäischen Landwirte vor Weihnachten vor dem EU-Parlament in Brüssel konnten das Mercosur-Abkommen nicht stoppen. Die Bauern fürchten weiteren Druck und ungleiche Wettbewerbsbedingungen. APA

Kälberexporte steigen trotz agrarpolitischer Bemühungen. Das Mercosur-Abkommen lässt neue Wettbewerbsverzerrungen befürchten.

Zuletzt wurden wieder mehr Kälber aus Vorarlberg exportiert. Weder Landwirte noch Politik – und schon gar nicht Konsumenten – haben daran Freude. Die Situation zeige, dass offene Märkte ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, sagt Landwirtschaftskammerpräsident (LWK) Josef Moosbrugger: „Sie sind nur bedingt durch politische Strategien beeinflussbar.“ Das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen könnte zusätzliche Wettbewerbsverzerrungen zulasten der Bauern mit sich bringen, befürchtet er.

In den vergangenen Wochen seien Bauernvertreter mit ihren Bedenken zu Mercosur immer wieder belächelt worden, betont Moosbrugger. „Das, was sich derzeit im Kälberbereich abspielt, zeigt jedoch gewisse Ähnlichkeiten mit dem, was dieses Freihandelsabkommen für die Landwirtschaft bedeuten könnte.“ 2025 wurden 4417 Kälber exportiert – mehr als 1000 Stück mehr als im Jahr zuvor, die VN berichteten. “Diese Entwicklung ist trotz intensivster agrarpolitischer Programme, Strategien und des Einsatzes von öffentlichem Geld, um die Kälber möglichst bei den Bauern in Vorarlberg zu halten, eingetreten”, erinnert Moosbrugger.

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Anforderungen und Realität

Als Hauptursache nennt der LWK-Präsident einen unfairen Wettbewerb. Die Anforderungen an Tierhaltung und -fütterung stiegen kontinuierlich, gleichzeitig werde der Ruf nach „billig, billiger, am billigsten“ immer lauter.

Entsprechend groß ist die Sorge über die Auswirkungen steigender Fleischimporte aus Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Bislang wurden für Rindfleischexporte aus Südamerika in die EU 60 Prozent Zoll fällig, künftig sind es 7,5 Prozent. Allerdings gelten Importbeschränkungen: Die EU begrenzt die Menge für den reduzierten Zollsatz auf 99.000 Tonnen pro Jahr. Das entspricht etwa der Hälfte der aktuellen Importmenge. Zudem greifen Sicherheitsklauseln bei übermäßigen Importen oder starkem Preisverfall.

Dennoch stehen EU-Landwirte im Wettbewerb unter ungleichen Bedingungen. Das betrifft Tierhaltung und -fütterung ebenso wie den Einsatz von Antibiotika und Hormonen sowie das Fehlen einer verpflichtenden Kreislaufwirtschaft in der Bodenbearbeitung. Unterschiede bestehen auch bei den Standards für Pflanzenschutzmittel. „Es wird nun endlich ernsthaft darüber nachgedacht, Wirkstoffe, die in der EU verboten sind, auch bei Importprodukten zu untersagen. Wir fordern, dass das nicht nur für Pflanzenschutzmittel gilt, sondern auch für Bodenbewirtschaftung bis zur Tierhaltung und -fütterung“, sagt Moosbrugger.

Josef Moosbrugger
„Es ist niemandem erklärbar, dass das, was wir in Österreich nicht wollen, laufend importiert wird und auf unseren Tellern landet”, sagt LWK-Präsident Josef Moosbrugger. VN

Andernfalls würden massive Wettbewerbsverzerrungen Bauern und Gesellschaft langfristig schaden: „Es ist niemandem erklärbar, dass das, was wir in Österreich nicht wollen, laufend importiert wird und auf unseren Tellern landet.“ Das schiefe System führe dazu, dass Kälber dorthin exportiert werden, wo sie auf Vollspaltenböden ohne Einstreu gehalten und mit Milchaustauschern statt Muttermilch gemästet werden, etwa nach Holland. Denn Österreich deckt seinen Bedarf an Kalbfleisch großteils durch Importe und rund 87 Prozent des importierten Kalbfleisches stammen aus den Niederlanden. „Und das blasse Fleisch drängt danach wieder auf den heimischen Markt und landet auf unseren Tellern.“

Andere Spielregeln mit Indien

Dass es auch anders geht, zeigt das jüngste Handelsabkommen mit Indien. Auch hier wurde jahrzehntelang verhandelt, dennoch kam es – anders als bei Mercosur – zuletzt vor Weihnachten in Brüssel zu keinen größeren Protesten der Landwirte. Sensible Bereiche wie Rindfleisch sind von der Liberalisierung ausgenommen.

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