Belladonna oder der Kampf um Gleichberechtigung

26.03.2026 • 11:46 Uhr
Belladonna oder der Kampf um Gleichberechtigung
APA

VN-Kommentar von Gerald Matt.

Die Atropa Belladonna, die Schwarze Tollkirsche, ist eine hochgiftige Pflanze. Atropos, eine der drei Schicksalsgöttinnen, entscheidet über Leben und Tod, indem sie den Lebensfaden durchtrennt. Über Jahrhunderte wurde Belladonna als Heilpflanze, Schönheitsmittel zur Pupillenerweiterung und als Wirkstoff für Abtreibungen genutzt. Belladonna wird auch mit der römischen Göttin des Krieges Bellona assoziiert.
Der Titel Belladonna meines kürzlich herausgegebenen Buches (Czernin Verlag) versteht sich als Symbol für starke, selbstbewusste und durchsetzungsfähige Frauen. Gemeint sind Künstlerinnen, die sich in der männerdominierten Kunstwelt der 1960er- und 1970er-Jahre mit Talent, Entschlossenheit und herausragender Kunst ihren Platz in der österreichischen Kunstgeschichte erkämpfen mussten.
In Form einer Oral History erzählen 29 Künstlerinnen – darunter Namen wie VALIE Export oder Maria Lassnig, aber auch bislang zu wenig beachtete Positionen wie Gerlinde Würth oder Meina Schellander von ihrer Lebens- und Arbeitswelt sowie von der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Atmosphäre dieser Zeit. Die Künstlerinnen schildern ihre Kämpfe um Anerkennung in einer stark männergeprägten Kunstwelt, berichten von Diskriminierung und Verletzungen sowie vom Ringen um Gleichberechtigung. Frauen waren oft auf sich allein gestellt, insbesondere mit Kindern, während Kunstakademien und der sich langsam entwickelnde Kunstmarkt ihnen kaum Chancen boten. Wichtige Institutionen wie die Galerie Nächst St. Stefan von Monsignore Mauer präsentierten fast ausschließlich Männer. In Künstlergruppen wie den „Aktionisten“ hatten Frauen keinen Platz. Bezeichnend ist die Aussage eines jener Künstler: „Frauen saßen neben uns und bewunderten uns.“ Florentina Pakosta berichtete, dass ein ihr zustehender Preis ihrem Mann übergeben wurde. Maria Lassnig formulierte es so: „Dieses Männlichkeitsgetue ging mir auf die Nerven – ich hatte dort keinen Platz.“
So wandten sich die Künstlerinnen bewusst weniger marktorientierten Medien wie Performance, Fotografie, Film, Textil oder Keramik zu. Vorrangige Themen waren dabei die Auseinandersetzung mit dem Körper, der Rolle der Frau in der Gesellschaft, dem Verhältnis der Geschlechter“. In den 1970er-Jahren begannen Künstlerinnen zudem, eigene Ausstellungen zu organisieren – Akte der Selbstermächtigung. VALIE Export kuratierte 1975 das legendäre Projekt „Magna, Feminismus: Kunst und Kreativität“. Schritt für Schritt eroberten sich Künstlerinnen auch Institutionen wie Secession und Künstlerhaus.
Eine entscheidende Rolle spielten dabei auch Galeristinnen wie Grita Insam, Ursula Krinzinger, Heike Curtze und Rosemarie Schwarzwälder. Durch ihr Engagement öffneten sie in den 1970er Jahren den Kunstmarkt auch nachhaltig für Künstlerinnen.
Heute hat sich vieles verändert: die Hälfte der Kunststudierenden sind Frauen, Professuren werden zunehmend weiblich besetzt, viele Kunstinstitutionen stehen unter weiblicher Leitung. Internationale Ausstellungen zeigen den wachsenden Einfluss von Künstlerinnen. Dennoch besteht weiterhin Ungleichheit im Kunstbetrieb.
Ein Beispiel ist der Kunstmarkt: Als ein Porträt von Frida Kahlo für 54,7 Millionen Dollar versteigert wurde, war sie zwar die teuerste Künstlerin aller Zeiten – doch unter den 100 teuersten Kunstwerken findet sich kein Werk einer Frau. Auch der sogenannte „Gender Discount“ bleibt deutlich: Während etwa ein Werk von Jeff Koons 91 Millionen erzielt, liegt ein Werk von Marlene Dumas bei 13,6 Millionen.