Zwischen Wunder und Verlust: Der Alltag einer Vorarlberger Hebamme

05.05.2026 • 08:00 Uhr
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Geburtshelferin Yasmin Jäger findet, dass sie den dankbarsten Beruf der Welt hat. Bildfokus Fotografie Theresa Zünd

Sie hat über 1800 Kinder auf die Welt gebracht. Doch an manche Geburten erinnert sie sich anders als an die meisten.

Feldkirch Yasmin Jäger (38) war schon immer sehr kinderlieb. “Als Kind habe ich auf die jüngeren Nachbarskinder aufgepasst und ihnen das Gehen beigebracht.” In dieser Zeit entstand der Wunsch, Hebamme zu werden. “Mit 14 war ich zum ersten Mal Zeugin einer Geburt. Im Rahmen eines berufsorientierenden Praktikums durfte ich eine Hebamme in den Kreißsaal begleiten.” Was sie dort erlebte, berührte sie. “Die Kraft der Gebärenden beeindruckte mich. Die Erleichterung und Freude, die zu spüren waren, als das Kind da war und der Mutter auf die Brust gelegt wurde, waren groß. All das ging mir zu Herzen.”

Von da an war der gebürtigen Deutschen sonnenklar, dass sie eine Ausbildung zur Hebamme macht. Nach dem Abitur erlernte sie an der Uniklinik Augsburg den Beruf der Geburtshelferin. “Für mich waren es drei wunderschöne Jahre. Mir wurde ein ganzer Werkzeugkasten an Wissen mitgegeben.”

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Hebamme Yasmin Jäger misst den Kopfumfang des Säuglings mit einem Maßband.

Danach übersiedelte sie nach Vorarlberg. Dort hatten es ihr die Berge angetan. “Als Kind hatten mich meine Eltern zehn Jahre lang in den Sommerferien ins Klostertal geschickt. Das waren schöne Zeiten. Umgeben von Bergen fühlte ich mich wohl.” Im Landeskrankenhaus Feldkirch trat sie ihre erste Stelle an. Heute, 17 Jahre später, arbeitet sie noch immer dort. Inzwischen hat sie 1800 Kinder zur Welt gebracht. “Ich bin mittlerweile sehr routiniert. Es braucht viel, bis ich aus der Ruhe komme.”

Ihr Beruf fasziniert sie nach wie vor. “Der Mensch selbst ist das Wunder. Er baut sich einen Menschen im Körper.” Ihr Job sei sehr spannend. “Denn du weißt nie, was auf dich zukommt. Das gefällt mir.” Für sie ist es auch der dankbarste Beruf der Welt. “Nach der Geburt sind die Eltern so dankbar. Ihre Freude ist groß und ansteckend.”

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In ihrer Freizeit geht Yasmin Jäger gerne wandern. Tochter Rosa ist meistens mit dabei.

Jäger vergleicht die Geburt mit einer Bergbesteigung. “Der Aufstieg ist nicht einfach. Aber wenn man einmal oben ist, kann man die schöne Aussicht genießen.” Hin und wieder käme es aber leider auch zu Abstürzen. “Jede vierte Schwangerschaft endet zu früh. Gerade in solchen tragischen Situationen sind wir Hebammen sehr gefordert. Oft sind wir dann der Fels in der Brandung.” Jäger ist es ein Anliegen, sogenannte Sternenkinder – also Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind – sichtbar zu machen. Deshalb war sie auch Mitbegründerin des Vereins “VergissMichNicht – Sternenkinder Fotografie”.

“Es gibt Geburten, bei denen man sein ganzes Hebammenwissen auspacken muss.”

Hebamme Yasmin Jäger

Seit Jänner dieses Jahres ist die engagierte Geburtshelferin Leiterin der Landesgeschäftsstelle der Hebammen in Vorarlberg. Als solche vertritt sie die Interessen von 150 Geburtshelferinnen in Vorarlberg. “Mir ist wichtig, dass Hebammen in ihrer Meinung gehört werden und ihr Aufgabenbereich sichtbar gemacht wird.” Unter anderem sind ihr auch Weiter- und Fortbildung ein Anliegen. “Es muss ein breit gefächertes Angebot da sein. Denn Hebammen müssen ein fundiertes Wissen haben.” Es gebe Geburten, bei denen man sein ganzes Hebammenwissen auspacken müsse. “Die schönsten Geburten aber sind die, bei denen man sich zurücknehmen kann und kaum etwas tun muss.”

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Mutter und Tochter bei einer Laufveranstaltung.

Jäger hatte schon immer Respekt vor dem Muttersein. Aber seit sie selbst Mutter ist, ist dieser noch größer geworden. “Jetzt kann ich manches mehr nachempfinden.” Ihre Tochter Rosa kam 2018 zur Welt. “Die Geburt war wunderschön. Es war ein großartiges Erlebnis. Meine Hebamme war meine Kindergartenfreundin.”

Yasmin Jäger

geboren 17. Juni 1987 in Biberach an der Riß (Deutschland)

Wohnort Götzis

Familie Tochter Rosa

Hobbys Wandern, Joggen, Backen, Freundinnen