Zum Kommentar „Wie soll ich da bloß mithalten?“

Leserbriefe / 15.05.2026 • 13:50 Uhr
Zum Kommentar „Wie soll ich da bloß mithalten?“

Der Text von Doris Knecht wirkt wie ein stiller Gegenentwurf zu all den Bildern vom „perfekten Frühling”, die uns jedes Jahr begegnen. Während draußen alles in Farben explodiert, beschreibt sie die Erfahrung derjenigen, für die diese Jahreszeit eher wie ein unüberwindbarer Hügel wirkt. Besonders eindrücklich ist der Vergleich zwischen Mensch und Natur. Die Natur startet jedes Jahr neu – als hätte sie eine eingebaute Reset-Taste. Der Mensch hingegen trägt seine Erfahrungen, seine Erschöpfung und seine Grenzen mit sich weiter. Dieses Bild macht verständlich, warum der Frühling nicht für alle ein Neubeginn ist. Ich halte es für sehr wichtig, dass solche Perspektiven sichtbar werden. Zu oft wird erwartet, dass man sich „einfach freut”, sobald die Sonne scheint. Wer das nicht kann, fühlt sich schnell fehl am Platz – als würde er gegen eine unsichtbare Norm verstoßen. Der Text schafft hier etwas Wertvolles: Er nimmt den Druck heraus. Er sagt zwischen den Zeilen, dass es in Ordnung ist, nicht im gleichen Tempo zu funktionieren wie die Natur oder die Gesellschaft. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke: Er macht den Frühling nicht kleiner – aber er macht den Menschen größer, indem er ihm erlaubt, unvollkommen zu sein.

Leonie Metzler, Landesberufsschule Dornbirn