“Der Rollator ist die Bar” – In diesem Altersheim gibt es Schnaps statt Infusion

Zwischen Pflege, Abschied und Alltag sorgt ein umgebauter Rollator für Gesprächsstoff. Dahinter steckt weit mehr als ein Glas Hochprozentiges.
Bürs Vor dem Sozialzentrum Bürs treffen sich regelmäßig Seniorinnen und Senioren zum Plausch. “Sie sitzen in der Sonne, genießen das Leben im hohen Alter, und manchmal trinken sie einen Schnaps – so wie andere Menschen auch”, freut sich der Heimleiter Wolfgang Purtscher.

Was zunächst kurios klingt, ist für Heimleiter Wolfgang Purtscher längst ein Symbol für Lebensfreude, Begegnung und ein Stück Normalität im Alter geworden. “Ich mag es, dass die Menschen hier selbstbestimmt leben.”
Heimleiter mit Leib und Seele
Seit 2012 leitet Purtscher das Sozialzentrum. Der diplomierte psychiatrische Krankenpfleger kam direkt aus der Pflege in die Führungsposition. Wer ihn erlebt, merkt schnell: Humor gehört für ihn genauso zum Beruf wie Fachwissen.
“Ich bin grundsätzlich ein sehr positiver Mensch”, sagt er. “Es gibt traurige Momente im Leben, gerade im Pflegeheim. Menschen zu begleiten, zu trösten und Abschied zu nehmen, gehört dazu. Aber genauso wichtig ist es, gemeinsam lachen zu können, ab und zu weinen wir auch.”

Ein Lächeln, eine Berührung oder ein kleiner Scherz seien oft die Dinge, die den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner bereichern. “Wenn man jemanden nur ein bisschen zum Lächeln bringen kann, dann ist das jeden Tag schon ein Geschenk.”
Die Idee mit dem Rollator
Die Geschichte der Rollator-Bar begann ganz unspektakulär. Eine Bewohnerin kam eines Sommertages mit ihrem Rollator ins Erdgeschoss gefahren. Im Korb lagen mehrere kleine Schnapsflaschen.
“Sie hat erzählt, dass sie immer wieder Liköre oder Schnäpschen geschenkt bekommt und gar nicht alles selbst trinken kann”, erinnert sich Purtscher schmunzelnd.
Vor dem Haus befindet sich ein beliebter Treffpunkt der Bewohner. Dort wird geredet, gelacht und gemeinsam Zeit verbracht. Die Frau begann schließlich, ihre mitgebrachten Schnäpschen zu teilen. Schnell entstand die Idee, aus dem Rollator eine richtige Bar zu machen.

Gemeinsam mit Angehörigen und Handwerkern wurde getüftelt. Ein Schlosser schweißte eine Konstruktion, ein Schreiner fertigte eine edle Holzabdeckung an. Sogar Halterungen für Gläser wurden eingebaut, damit beim Fahren nichts verrutscht. “So ist unsere eigene Rollator-Bar entstanden”, erzählt Purtscher.

Hier wird das Leben gefeiert
Heute gehört die mobile Bar zu den beliebtesten Attraktionen im Haus. Ob Sommerfest, Grillnachmittag oder musikalische Unterhaltung – der Rollator kommt regelmäßig zum Einsatz.
Gefüllt wird die Bar von Bewohnern, Angehörigen und Unterstützern. Auch regionale Schnapsbrenner helfen immer wieder mit. “Wir haben viele großzügige Spender”, sagt Purtscher.

Selbstbestimmung bis ins hohe Alter
Dabei gehe es nicht um Alkohol als Mittelpunkt, sondern um Gemeinschaft und Tradition. Viele ältere Menschen seien mit dem Brauch aufgewachsen, zu besonderen Anlässen gemeinsam anzustoßen. “Ein Eierlikör oder ein kleines Schnäpschen gehören für manche einfach dazu”, erklärt der Heimleiter.
“Wenn es Käsknöpfle gibt, eine Singgruppe zu Besuch kommt oder ein Fest gefeiert wird, dann trinken wir einen Schnaps. Das kennt man von zu Hause nicht anders.”
Selbst große Sportereignisse werden gemeinsam verfolgt. Wenn Österreich spielt, versammeln sich viele Bewohner vor dem Fernseher. Und manchmal wird dabei auch angestoßen.
Die Rollator-Bar steht deshalb für weit mehr als ein ungewöhnliches Gefährt. Sie steht für die Haltung eines Hauses, das den Menschen nicht nur Pflege bieten will, sondern auch Freude, Gemeinschaft und ein Stück gelebten Alltag.
Denn manchmal reicht schon ein kleines Schnäpschen, um Erinnerungen wachzurufen – und ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.