„Die Passagierin“, Pountneys Entdeckung, ist von Bregenz aus immer noch unterwegs

VN / 27.04.2019 • 15:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Oper "Die Passagierin" gilt als einzigartiges authentisches Werk. APA
Die Oper „Die Passagierin“ gilt als einzigartiges authentisches Werk. APA

Die szenische Erstaufführung der Oper „Die Passagierin“ fand 2010 in Bregenz statt. Nun wird sie noch in Tel Aviv und Madrid aufgeführt. 

Christa Dietrich

Bregenz, Tel Aviv-Jaffa Dass sich Menschen der Barbarei widersetzen mögen, äußerte Zofia Posmysz als Wunsch, den sie mit ihrer Arbeit als Zeitzeugin verbindet. Die polnische Autorin (geb. 1923), die als Inhaftierte das Grauen im Vernichtungslager Auschwitz mehrere Jahre durchlitt, schuf die Novelle, nach der die Oper „Die Passagierin“ entstanden ist. Die szenische Erstaufführung des in den 1960er-Jahren geschaffenen Werks von Mieczysław Weinberg (1919-1996) im Sommer 2010 bei den Bregenzer Festspielen steht zweifellos im Zentrum der Leistungen, die David Pountney in seiner Zeit als Intendant des österreichischen Kulturunternehmens erbracht hat. Das Besondere daran ist, dass sich diese Wiederentdeckung eines Werks nicht nur in der Chronik der Festspiele festschrieb, die Inszenierung, die Pountney gemeinsam mit den Ausstattern Johan Engels und Marie-Jeanne Lecca entwickelte, steht nach wie vor auf den Spielplänen von Opernhäusern in verschiedenen Ländern.

USA, Polen, England, Israel

Bei der Aufführungsserie in Tel Aviv, die in der kommenden Woche beginnt, ist, wie David Pountney nun gegenüber den VN betonte, ein starker Widerhall zu erwarten. Überhaupt sei es ein wichtiger Aspekt der langen Reise dieser Inszenierung, die in mehreren Städten der USA, in London und Warschau gezeigt wurde, dass die Aufführung in jeder Stadt etwas Signifikantes bedeutet habe. In erster Linie sei das Thema selbst bedeutend und die Tatsache, dass es sich wahrscheinlich um die einzige große Oper handelt, die sich mit der direkten und schmerzhaften Erfahrung des Schreckens des Holocaust beschäftigt. In diesem Sinne sei es ein einzigartig authentisches Werk.

Zofia Posmysz, an deren Text sich der Librettist Alexander Medwedew (1927-2010) orientiert, lässt während einer Schiffspassage eine ehemalige Inhaftierte auf ihre einstige KZ-Aufseherin treffen. Während die Aufseherin ihre Täterrolle verdrängt, erfährt die einst Inhaftierte das Leid erneut in der Erinnerung an jene, mit deren grausamer Ermordung sie konfrontiert war. In Österreich habe man das Werk, so Pountney, vor einem Publikum aufgeführt, dessen Familien unvermeidlich in den Holocaust verwickelt waren, entweder als Täter oder als Opfer. „Im nächsten Jahr wird die Oper in Madrid gespielt, einer Stadt mit einer ganz besonderen Geschichte von Unterdrückung und Ungerechtigkeit.“

Moralisches Defizit

Verschiedene Opernhäuser in Deutschland haben mittlerweile eigene Inszenierungen von Weinbergs „Die Passagierin“ realisiert. Eine gute Möglichkeit der Umsetzung einer Geschichte, der im Grunde kein Bild gerecht werden kann, fand Regisseur Anselm Weber in Frankfurt, indem er nicht nur die Wiederentdeckung David Pountneys aufgriff und seinem Publikum somit die Auseinandersetzung mit dem Werk und dem Thema anbot, sondern indem er sich auch optisch subtil an die erste szenischen Umsetzung in Bregenz anlehnte. Während weitere Bühnen, so wie jüngst das Theater in Gera, das Werk auf das Programm setzten und die Frankfurter Produktion auch nach Dresden übernommen werden konnte, wurde „Die Passagierin“ noch nie in Berlin, der deutschen Hauptstadt, gezeigt. „Ein eklatantes künstlerisches und moralisches Defizit“, urteilt David Pountney.

Sanfte Kraft der Festspiele

Für den früheren Bregenzer Festspiel-Intendanten, der nach der „Passagierin“ neben einer mutigen Programmierung auf der Seebühne mit einem immer noch gerne zitierten großartigen „Andrea Chénier“, im Festspielhaus weitere Erst- und auch Uraufführungen ansetzte, hat auch die von ihm angestoßene Weinberg-Renaissance Bedeutung. Das umfangreiche Schaffen des polnischen Komponisten, der bekanntermaßen selbst unter politischer Verfolgung zu leiden hatte, sei nahezu vergessen gewesen. Mittlerweile gibt es mehrere Einspielungen auf Tonträger. Pountney: „Das ist eine echte Demonstration der sanften Kraft einer Institution wie es die Bregenzer Festspiele sind.“ Die Kraft, Musikgeschichte zu schreiben, misst Pountney den Festspielen jedenfalls bei.

Nächste Aufführung der Oper „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg in der Regie von David Pountney am 30. April, 2. und 3. Mai in der Oper in Tel Aviv-Jaffa.