Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Zynische Vernunft

VN / 13.02.2020 • 06:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Frau Ammann hat‘s im Moment nicht mehr so mit den Amis, man sollte sie alle „impeachen“, sagt sie, die verlotterten Protektionisten. Die einst euphorische Liebe schmilzt melancholisch in den kühlen Pazifik Kaliforniens. Die Vertrumpisierung ist wohl einer der Hauptgründe und der galoppierende Realitätsverlust in „Fantasyland“ nur schwer zu verdauen. Selbst die täglichen Horrormeldungen über Feuer, Muren, Dürren, Überschwemmungen, Hurrikans und offensichtliche Verschiebungen der großen Wettersysteme gehen spurlos an den Ignoranten vorbei.

Tempo unterschätzt

Die Dynamik des Klimawandels ist der Wissenschaft seit 30 Jahren klar und alle Simulationen zeichnen ein düsteres Bild, einziges Manko der Vorausdenker – sie hatten das Tempo des Wandels unterschätzt, die Erwärmung vollzieht sich noch schneller als die Computermodelle prophezeien.

„Am Klimawandel sind alle schuld – mit anderen Worten: Keiner. Wir können uns alle gut fühlen, wenn wir ihn beklagen . . .“

Ein paar wenige Kalifornier gibt’s noch, die hartnäckig den Finger in die Wunden des Planeten legen. Der große Schriftsteller Jonathan Franzen ist so einer, sagt sie. Sie hat alle seine Bücher gelesen und vertraut seinem inneren Auge. Er hat schon vor Jahren mit zynischer Vernunft aufhorchen lassen, um den Teufelskreis fatalistischer Lethargie zu durchbrechen: „Am Klimawandel sind alle schuld – mit anderen Worten: Keiner. Wir können uns alle gut fühlen, wenn wir ihn beklagen….“ Böse Shitstorms waren die Folge.

Kinder auf die Barrikaden

Bezeichnend, dass es Kinder wie Greta Thunberg oder die 23-jährige Luisa Neubauer sein müssen, die auf die Barrikaden steigen, um von den Mächtigen (Männern) der Welt eine verbindliche politische Ethik einzumahnen. Was immer man über das Engagement dieser toughen Mädels denken mag, ihre Argumente und ihre Wut beziehen ihre Kraft aus den Fakten der Wissenschaft. Wir sind zu radikal mit den Ressourcen des Planeten umgegangen, kein Wunder, dass auch die Gegenbewegung radikal sein wird.

Neben den Trumps der Welt liegt das Hauptproblem in den Ambitionen der aufstrebenden Schwellenländer, die sich endlich denselben Luxus gönnen wollen, den die erste Welt über Dekaden genießen durfte. Segen und Fluch des Kapitalismus. Wer diese These extrapoliert, kommt auf apokalyptische Szenarien. Frau Ammann verweist auf ein neues Essay von Jonathan Franzen, Klartext, wie immer: „Wann hören wir auf uns etwas vorzumachen.“ Der Kollaps wird kommen, unaufhaltsam, Punkt. Abfedern ist das Einzige, was uns noch bleibt und auch das nur, wenn wir radikal genug sind zu uns selbst.

Reinhold Bilgeri

reinhold.bilgeri@vn.at

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau