Lockdown förderte Eheprobleme zutage

Was die Coronapandemie und der Lockdown in Ehen zum Vorschein bringt, und ob es jetzt mehr Scheidungen gibt.
Dornbirn Gestritten wird im privaten Bereich immer — auch während einer Pandemie oder vielleicht sogar mehr? Die VN haben mit der Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Vorarlberg unter anderem über die Gründe von Scheidungen während der Ausnahmesituation Pandemie gesprochen.
Was sind aus Ihrer Sicht Gründe für Scheidungen im Allgemeinen? Hat die Coronazeit einen größeren Anteil an Scheidungen?
Breinbauer Meine Erfahrung ist, dass sich die Anzahl der Beratungen in meiner Kanzlei in der Zeit der Pandemie nicht verringert, sondern erhöht hat. Es gibt im Moment viele familienrechtliche Auseinandersetzungen und sehr viel zu tun. Wenn ich jetzt die Klientinnen und Klienten über die Ursachen ihrer Scheidung frage, dann sagen die wenigsten, dass im Lockdown etwas Konkretes vorgefallen sei, was die Ehe zerrüttet hätte. Viele sagen, „es hat sich im Lockdown gezeigt, dass die Probleme, die wir vorher hatten, nicht mehr zu bewältigen sind“. Man konnte sich nicht aus dem Weg gehen und ausweichen wie ins Sportstudio, ins Gasthaus oder zu Freunden. Das hat nach meiner Einschätzung in manchen Fällen Probleme erzeugt, aber vor allem sichtbar gemacht. Die Menschen haben mehr nachgedacht und der Satz fällt häufiger: „Ich habe festgestellt, dass das keine Zukunft hat.“ Es wäre zu weit gegriffen, zu sagen, Corona hat alle diese Ehen zerstört, das stimmt nicht. Diese Zeit hat sicher dazu beigetragen, darüber zu reflektieren, ob es der richtige Weg ist, den die Person so weitergehen möchte. Und da sagen viele Nein!
„Es gibt im Moment viele familienrechtliche Auseinandersetzungen und sehr viel zu tun.“
Dr. Birgitt Breinbauer, Rechtsanwältin
War der Lockdown der „letzte Tropfen …“?
Breinbauer Viele wurden durch die Pandemie aus ihrem Alltag gerissen, dadurch ist das Konfliktpotenzial zu Hause größer geworden. Diejenigen, die sonst viel außer Haus waren, waren nun unzufrieden und haben das gezeigt.
Wer denkt eher über Scheidung nach: Frauen oder Männer?
Breinbauer Ich vertrete gleich viele Frauen wie Männer. Aber in vielen Fällen geht der Wunsch, sich scheiden zu lassen, von den Frauen aus. Frauen sind oft weiter in den Überlegungen. Viele Männer trifft der Wunsch der Frauen, sich scheiden zu lassen, überraschend. Männer haben oft außerhäusliche Beschäftigungen, die sie ablenken. Frauen haben meist mehr Gelegenheit, über ihre Ehe nachzudenken und kommen zum Schluss, das geht nicht mehr.
Sind während der Pandemie andere Scheidungsgründe feststellbar?
Breinbauer In manchen Fällen wurde bemängelt, dass der Partner sich nun gehen lässt. In der Zeit des Lockdowns war es für einige nicht mehr so leicht, Ausreden zu erfinden. Im einen Teil der Fälle musste demnach die außereheliche Beziehung auf Eis gelegt werden oder sie wurde der Ehepartnerin offengelegt. Das Verheimlichen war nicht mehr möglich. Die Ausrede, man gehe ins Fitnessstudio, funktionierte nicht mehr.
Hat die Covid-19-Pandemie Auswirkungen auf das Rechtswesen?
Breinbauer Es war immer so, dass die Dinge, die schnell verhandelt werden mussten, wie einstweilige Verfügungen, trotzdem verhandelt worden sind. Aber darüber hinaus ist über einen längeren Zeitraum nichts verhandelt worden. Somit gab es für die Richter, die weitergearbeitet haben, Gelegenheit, Urteile und dergleichen aufzuarbeiten. Ab Mitte Mai ging es darum, die zwei Monate aufzuholen und man hat den Sommer hindurch verhandelt, was sehr gut funktioniert hat. Ich meine, dass die meisten Rückstände im Familienrecht abgearbeitet wurden.
Um was wird im Gericht am emotionalsten gestritten?
Breinbauer Grundsätzlich ist der Unterhalt hier in Österreich etwas hoch Strittiges, wenn einer von beiden weniger verdient, was in vielen Fällen darauf zurückzuführen ist, dass Kindererziehung geleistet wurde. Österreich ist sehr, sehr rückschrittlich, was die Regeln des Unterhalts und der Scheidung betrifft, insofern, dass man hier immer noch von Verschuldensunterhalt ausgeht. Österreich hat im Gegensatz zu vielen europäischen Ländern immer noch die Verschuldensscheidung. Was Verhandlungen bei einer einvernehmlichen Scheidung insofern schwierig macht, da man in Bezug auf den Unterhalt immer das Verschulden der Ehe mitdenken muss. Die Unterhaltssituation hat so langwierige Auswirkungen, auch für die Pension. In Österreich gibt es kein vernünftiges Pensionssplitting. Das bisher freiwillige Pensionssplitting wird kaum in Anspruch genommen. Es gäbe weniger Streitfälle vor Gericht, was den Unterhalt anbelangt, wenn wir ein System ähnlich der Schweiz, Liechtensteins oder Deutschlands hätten. Auch streiten die Menschen um die Kinder. Jetzt ist die gemeinsame Obsorge auch in Österreich angekommen und der Regelfall. Es gibt die Streitfrage nach dem Hauptbetreuungsort. Väter sind heutzutage viel aktiver und mehr als früher in das Leben ihrer Kinder involviert. Und es gibt selten Väter, die sich damit begnügen, ihr Kind alle 14 Tage einen Tag zu sehen. Und dann ist auch das Kontaktrecht ein Streitpunkt. Ein gewisses Maß an Zuwendung für die psychologische Seite der Klientin oder des Klienten ist wichtig. Die Menschen sind in einer besonderen Ausnahmesituation. Wenn eine Ehe scheitert, ist das anders, als wenn ein Bett schlecht geliefert wurde und du einen Gewährleistungsprozess machst. Anwälte, die im Familienrecht tätig sind, geraten immer zwischen die Fronten und es ist auch mitunter ihr Job, Aggressionen der Gegenseite für ihre Klientin oder ihren Klienten abzufangen.
Also wäre es besser, gleich im Vorfeld einen Ehevertrag gemacht zu haben?
Breinbauer Wenn vor der Eheschließung ein finanzielles Ungleichgewicht besteht, macht ein Ehevertrag durchaus Sinn. Wenn zwei junge Menschen heiraten, eine Familie gründen wollen, keine großen Reichtümer mitbringen oder erwarten und zusammen etwas aufbauen wollen, ist ein Ehevertrag keine zwingende Notwendigkeit, weil das Familienrecht hierbei faire Regelungen hat.