Wie sind wir denn?
Es gab eine Zeit, da umgarnte Österreich die Welt mozärtlichst und zeigte ihr sein liebstes Gesicht: klein aber fein, naturverbunden doch weltgewandt, traditionsbewusst und modern, sportlich, kulturbeflissen. Man musste in all der Walzerseligkeit schon genau hinhören, um die Zwischentöne nicht zu verpassen. Der nach dem Anschluss ausgewanderte Franz Werfel lässt in seiner Erzählung „Die blassblaue Frauenschrift“ den Sektionschef Leonidas Tachezy zu seinen Mitarbeitern sagen: „Für die Höflichkeit ist Österreich berühmt … und um die Vernunft wollen wir uns mit vereinten Kräften bemühen, nicht wahr, meine Herren!?“
Nun, bemühen ist nicht immer von Erfolg gekrönt, und die Zeit der Zwischentöne scheint ohnedies vorüber. Stattdessen teilt das Land nach der Ibiza-Affäre der Welt ungefragt in einer nicht enden wollenden Negativauslese mit, wie es nicht ist: unmoralisch, unvernünftig, uneinig? Niemals! Unsolidarisch, ängstlich, durchtrieben? So sind wir nicht! Nur, wie sind wir dann?
Vielleicht hilft ein Blick zurück, auf dieses kurze Zeitfenster anfangs der Ersten Republik, als noch im Eindruck eines Weltkriegs, im Angesicht von Hunger und Not, von der Einführung des Achtstundentags über die Arbeitslosenversicherung, das Betriebsrätegesetz und die Gründung der Arbeiterkammern bis hin zur Österreichischen Bundesverfassung so vieles möglich war. Augenblicklich wissen wir wirklich nicht, wo uns der Kopf steht. Aber sicher ist: Wir waren schon einmal anders.
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