Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Streiflicht: So schmeckt das Leben

VN / 11.11.2025 • 17:00 Uhr

„Und?“ Die junge Pflegerin kommt mit einem halb vollen Teller aus Zimmer drei und lächelt. „Er hat gegessen“, sagt sie. Ihre Kollegin reißt die Augen auf und betrachtet den Kartoffelbrei, von dem kaum die Hälfte fehlt. „Und jetzt?“ fragt sie erneut. Die junge Pflegerin beruhigt sie: „Es geht ihm gut. Er hat keine Schmerzen.“ Vier Löffel Brei verwandeln diesen Abend in einen stillen Triumph auf der Station.

Zehn Autominuten entfernt herrscht Hochbetrieb. Die Kellnerinnen balancieren Lachsschnitten und Gänsekeulen durch schmale Gassen zu den voll besetzten Tischen. Der Chef macht seine Runden, nimmt das Lob der Gäste entgegen, spendiert da eine Runde vom Guten, lässt dort Gemüse nachreichen. Das Restaurant hat einen Ruf zu verlieren, aber es wird ihm gerecht. Erfüllte Erwartungen röten die Wangen, und in der Küche nimmt der junge Sudanese am Abwaschbecken leere Teller entgegen. Er könnte sich so ein Menu nie leisten. Das Essen hier übertrifft alles, wovon er auf seiner Flucht zu träumen wagte.

Essen hat so viele Gesichter. Es wird hastig hinuntergeschlungen, wenn die Zeit fehlt. Es vergeht auf der Zunge der Gourmets, überrascht kleine Kinder und verdrießt alte Kantinengänger. Es landet im Rinnstein, wenn jemand seiner überdrüssig wurde. Und es zaubert der Pflegerin ein Lächeln ins Gesicht. Vier Löffel – mehr braucht es heute nicht.