Lawinengefahr ist Lebensgefahr – die VN beim Lawinenkurs “Abseits der Piste”

Immer mehr Menschen zieht es abseits der Pisten in den Tiefschnee. Doch wer nicht vorbereitet ist, bringt sich und andere in Lebensgefahr.
Rankweil Die Lawinenwarnstufe 3 gilt als “erheblich”. Was für viele nach einem mittleren Risiko klingt, ist in Wahrheit gefährlich. Denn: Die Lawinenstufen steigen nicht linear, sondern exponentiell an. Der Unterschied zwischen Stufe 2 und 3 ist gewaltig.
Genau deshalb bietet “Sicheres Vorarlberg” jedes Jahr praxisnahe Lawinenkurse an – ehrenamtlich geleitet von erfahrenen Tourenführern und Übungsleitern des Alpenvereins sowie Alpinausbildern der Bergrettung.
Da es immer mehr Skitourengänger gibt, werden solche Kurse immer wichtiger. Sie bieten kontrollierte Übungsszenarien. Im Ernstfall ist das Gelände oft anspruchsvoller, der Schnee schwer und gepresst – kaum vergleichbar mit der Übung. Trotzdem sei es entscheidend, die Abläufe so zu trainieren, so Mierer.

Theorieabend mit klaren Worten
Los ging der Kurs mit einem Theorieabend in Rankweil. Thomas Mierer und Martin Markstaler vom Alpenverein sowie Bernhard Barbisch von der Bergrettung Rankweil sprachen über das Risiko – und über tragische Statistiken: “57 Prozent der Lawinenopfer sterben durch Ersticken”, so die Experten. Die entscheidenden Minuten nach einer Verschüttung teilen Experten in drei Phasen:
- 0–10 min: Überlebensphase
- 10–30 min: Erstickungsphase (60 % aller Ganzverschütteten sterben, da sie keine Möglichkeit zur Atmung haben)
- 35–90 min: Latenzphase (Verschüttete überleben mit Atemhöhle 1,5-2 Stunden und sterben anschließend an Unterkühlung und langsamem Ersticken)
- 90 min: Organisierte Rettung (sehr grobe Richtzeit für die Bergung durch organisierte Rettung – wobei das immer auf die äußeren Umstände und Bedingungen ankommt!)

“Die Kameradenrettung ist das Wichtigste. 79 % aller Lebendbergungen erfolgen durch die Kameradenrettung, nur ca. 20 % durch organisierte Rettung.
Airport Approach: Die Rettung wie ein Landeanflug
Ein zentrales Element des Kurses ist das strukturierte Vorgehen bei der Verschüttetensuche – bekannt als “Airport Approach”. Diese Methode orientiert sich an einem Landeanflug:
- Signalsuche: Höchste Geschwindigkeit – erstes akustisches Signal abwarten und bei Erhalt laut kommunizieren.
- Grobsuche: Richtungspfeil und Distanzanzeige verfolgen – in dieser Phase der Verschüttetensuche ist die Geschwindigkeit anfangs immer noch sehr hoch. Ab der Distanzanzeige zehn wird die Geschwindigkeit etwas reduziert. Auch diese Distanzanzeige wird laut kommuniziert.
- Feinsuche: Ab fünf Metern kommuniziert man den Wert ein weiteres Mal und reduziert die Geschwindigkeit deutlich. Man begibt sich dabei unmittelbar in eine geringe Distanz zur Schneeoberfläche. Dann den kleinsten Distanzwert finden und den Punkt markieren – das sogenannte “Einkreuzen”.
- Punktsuche: Mit der Sonde gezielt sondieren
“Wie ein Flugzeug beim Landeanflug wird man immer langsamer, präziser – bis man punktgenau landet”, erklärte Thomas Mierer anschaulich.
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Praxistag im Gelände – 48 Teilnehmer üben den Ernstfall
Am Samstag um 7 Uhr früh begann der Praxistag. Die 48 Teilnehmer wurden in sechs Achtergruppen aufgeteilt, jeweils begleitet von zwei oder drei Ausbildern der Bergrettung oder des Alpenvereins. Mit Tourenski, Schneeschuhen oder Splitboards ging es nach dem obligatorischen LVS-Check in einem kurzen Aufstieg zur Hütte – dort startete die praktische Schulung.

Zuerst wurde die Notfallausrüstung und deren Handhabung erklärt: Wie bediene ich mein LVS-Gerät? Wie baut man die Sonde zusammen? Ist die Schaufel griffbereit? Danach ging es ans Eingemachte: Jeder musste ein verschüttetes LVS-Gerät finden – allein und in der Gruppe. Geübt wurde der gesamte Ablauf: von der ersten Signalaufnahme über das Einkreuzen und Sondieren bis zur Bergung.

Am Ende stand eine gestellte Notfallsituation mit mehreren Verschütteten. Die Zeit wurde gestoppt, der Ablauf reflektiert. Man musste also mit seiner Gruppe einen klaren Kopf behalten und Schritt für Schritt das Gelernte anwenden.

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Drei Dinge, die Leben retten
LVS-Gerät, Sonde und Schaufel – diese Ausrüstung gehört in jeden Tourenrucksack. Doch der richtige Umgang will geübt sein: Probleme bereiten elektronische Geräte sowie elektronische Infrastruktur jeglicher Art sowie jegliche Art von (leitfähigen) metallischen Gegenständen! Die Lösung: die “20/50-Regel” beachten: 20 cm Abstand beim Senden, 50 cm beim Suchen.

Was tun bei Verschüttung?
Im Fall der Fälle gibt es simple, aber entscheidende Verhaltensregeln:
- Schussflucht!
- Notfallausrüstung aktivieren!
- Festhalten! An Bäumen, Sträuchern, sonstigen fest verankerten Möglichkeiten
- Oben bleiben! Strampeln, “kämpfen”…
- Atemhöhle schaffen! Fäuste vors Gesicht,…
- Ein Befreiungsversuch!
- An Rettung glauben!
“Ich würde den Kurs sofort weiterempfehlen”
Paul Luschnig (21) aus Dornbirn war einer der Teilnehmer. Für ihn war es nicht der erste Kurs – sondern eine gezielte Auffrischung: “Ich gehe oft Skitouren und wollte mein Wissen wieder auf den neuesten Stand bringen. Es war mega spannend, vor allem, wie professionell die Suche strukturiert ist. Ich würde diesen Kurs definitiv jedem empfehlen, der abseits der Piste unterwegs ist.”

Weitere Infos und Anmeldung
Wer Interesse hat, kann sich auf www.sicheresvorarlberg.at über weitere Kurse informieren.