Demokratie als Aufgabe für uns alle

Der Autor Michael Hunklinger war zu Gast in der Stadtbibliothek.
Dornbirn “Dass ich heute hier bin, hat mit einem besonderen Datum zu tun: dem 29. September 2024, dem Tag der Nationalratswahlen in Österreich, an dem die FPÖ erstmals stärkste Kraft wurde. Das bedeutet eine Zäsur – für Österreich, aber auch für meine Arbeit und für mich privat.” Mit diesen Worten eröffnete Politikwissenschafter und Autor Michael Hunklinger seinen Vortrag in der Stadtbibliothek Dornbirn. Kurz nach diesem Wahltag habe er einen Termin bei seinem Verlag gehabt – daraus sei schließlich sein Buch “Wir werden nicht verschwinden: Wie Minderheiten dem Rechtsruck trotzen” entstanden, das im Zentrum des Abends stand.

Auch wenn es letztlich nicht zu einer schwarz-blauen Regierung gekommen sei, sei die Gefahr damit nicht gebannt, betonte Hunklinger. Der Rechtsruck sei kein österreichisches Einzelphänomen, sondern in vielen europäischen Ländern und darüber hinaus zu beobachten. In seinem Vortrag spannte er daher einen weiten Bogen: von aktuellen politischen Entwicklungen über gesellschaftliche Trends bis hin zu den konkreten Auswirkungen auf Minderheiten.
Polarisierung, Rückzug, Verrohung
Als einen zentralen Treiber nannte Hunklinger die zunehmende Polarisierung. Öffentliche Debatten würden immer öfter entlang von Freund-Feind-Mustern geführt, während sich gleichzeitig viele Menschen enttäuscht oder überfordert ins Private zurückzögen. Politischer Diskurs werde so ärmer – und anfälliger für Vereinfachungen. Auch Medien und soziale Netzwerke spielten dabei eine Rolle. Hunklinger verwies auf eigene Erfahrungen: Sachlich argumentierende Inhalte fänden deutlich weniger Resonanz als zugespitzte, stark politisierte Positionen.

Das Internet beschrieb er als ambivalenten Raum. Einerseits ermögliche es marginalisierten Gruppen Sichtbarkeit und Vernetzung, andererseits befördere es Hass, Verrohung und permanente Bewertung. Zwischen Selbstermächtigung und Selbstzensur entstehe ein Spannungsfeld, das den gesellschaftlichen Ton nachhaltig verändere.
Ein weiterer Trend sei die zunehmende Individualisierung. “Es geht stark in das Ich, weniger in das Wir”, so Hunklinger. Gemeinsame Bezugspunkte würden schwächer, Gruppen gegeneinander ausgespielt, Solidarität schwieriger herzustellen.

Solidarität neu denken
Im zweiten Teil des Vortrags ging es um die Frage, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt unter diesen Bedingungen neu gedacht werden kann. Hunklinger plädierte dafür, Menschen nicht auf einzelne Zuschreibungen zu reduzieren, sondern sie in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen. Vorurteile, so führte er aus, seien nicht nur Denkmuster, sondern wirkten sich konkret in diskriminierendem Handeln aus. Dem gegenüber stehe nicht bloß Toleranz, sondern Wertschätzung.

Dabei griff er auch das Konzept der Intersektionalität auf: Jeder Mensch bewege sich gleichzeitig in mehreren sozialen Zusammenhängen und Identitäten. Entscheidend sei, wo Gesellschaft hinschaue – auf Defizite oder auf Rechte und Teilhabe. Zwar sei in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht worden, zugleich befinde man sich aber an einem Kipppunkt. “Akzeptanz statt Toleranz ist das Ziel”, betonte Hunklinger.
Vielfalt braucht Demokratie
Demokratie, so seine zentrale Botschaft, sei kein Zustand, sondern eine dauerhafte Aufgabe. Sie lebe von Grund- und Menschenrechten, von Engagement, von Diskurs und von Repräsentation. Politische Teilhabe und Sichtbarkeit – etwa in Parlamenten, Medien oder Institutionen – seien entscheidend. “Demokratie braucht Vielfalt. Und Vielfalt braucht Demokratie.” LCF