Man sollte geschenktes Vertrauen wahrnehmen

VN / HEUTE • 16:10 Uhr
Judith Bischof (l.) und Klaudia Dekker sind ob ihrer langjährigen Erfahrung für Georg Fessler unverzichtbare Mitarbeiterinnen in der Gemeindeverwaltung. PETER STRAUSS   
Judith Bischof (l.) und Klaudia Dekker sind ob ihrer langjährigen Erfahrung für Georg Fessler unverzichtbare Mitarbeiterinnen in der Gemeindeverwaltung.  STP

Statt in wohlverdiente Pension wechselte Georg Fessler mit 66 Jahren ins Bürgermeisteramt.

Schnepfau Er bezeichnet sich selbst als „politisch interessierten Menschen ohne große Ambitionen, in der Politik Karriere machen zu wollen“. Dessen ungeachtet ist er – gänzlich ungeplant – mit mehr als 66 Jahren nun sogar Bürgermeister geworden: Georg Fessler, Jahrgang 1958, aufgewachsen in Hohenweiler und der Liebe wegen in den frühen 1990-er Jahren in den Bregenzerwald gezogen, wo er das Elternhaus seiner Gattin Hildegard renovierte und damit Schnepfau zu seiner zweiten Heimat machte.

Das Elternhaus seiner Gattin Hildegard hat Georg Fessler komplett abgerissen und erstellt mit seinem Sohn in gleichen Umrissen ein neues Zweifamilienhaus.   
Das Elternhaus seiner Gattin Hildegard hat Georg Fessler komplett abgerissen und erstellt mit seinem Sohn in gleichen Umrissen ein neues Zweifamilienhaus.  

Vertrauen ehrt und verpflichtet

Und mehr als das: Seit den Wahlen im Frühjahr 2025 ist er sogar „Vorsteher“ seiner Wahlheimat. Ein Amt, das er ganz und gar nicht geplant oder gar offensiv angestrebt hatte. Aber: „Als mich Wählerinnen und Wähler bei der Mehrheitswahl an die fünfte Stelle reihten und die vier Kandidaten, die mehr Stimmen erhielten als ich, aus verschiedenen Gründen – etwa beruflichen – nicht bereit waren, das Amt zu übernehmen, habe ich den Wählerwillen ernst genommen: Wenn einem Vertrauen geschenkt wird, dann sollte man sich diesem nicht versagen und es auch wahrnehmen – mit der Konsequenz, dass ich mich eben als Bürgermeister zur Verfügung stellte.“

Als begeisterter Fallschirmspringer hat Georg Fessler nicht nur rund 600 Sprünge absolviert, sein Hobby brachte dem gelernten Kaufmann auch für mehr als 30 Jahre den Job als Flugbetriebsleiter in Hohenems ein.
Als begeisterter Fallschirmspringer hat Georg Fessler nicht nur rund 600 Sprünge absolviert, sein Hobby brachte dem gelernten Kaufmann auch für mehr als 30 Jahre den Job als Flugbetriebsleiter in Hohenems ein.

Kein einfaches Unterfangen

Dabei verhehlt er nicht, dass es in Zeiten wie diesen und einem Sparzwang bis hinunter in die kleinsten Kommunen kein einfaches Unterfangen ist, zumal er ein echter Quereinsteiger ist. Kommunalpolitische Erfahrung hat er zwar vor vielen Jahren gesammelt, „aber damals habe ich mich schnell wieder zurückgezogen, als heftige Auseinandersetzungen um den Steinbruch in Schnepfau gab.

Seine letzte Landung war im Sommer 2022 in Schnepfau. Knapp drei Jahre später landete er dort auf dem Bürgermeistersessel.
Seine letzte Landung war im Sommer 2022 in Schnepfau. Knapp drei Jahre später landete er dort auf dem Bürgermeistersessel.

Traue mir einiges zu

Warum er sich das jetzt wieder antut und gleich noch das Bürgermeisteramt übernahm? „Weil ich jetzt ein großes Privileg habe: als Pensionist habe ich mehr Zeit als viele andere, um mich mit Herausforderungen zu befassen und Kompromisse zu finden. Diesbezüglich traue ich mir einiges zu“, ist Fessler überzeugt, denn „in 32 Jahren als Flugbetriebsleiter am Flugplatz Hohenems habe ich in unzähligen Gesprächen gelernt, zwischen gegensätzliche Positionen der Flugplatznutzer einerseits und den lärmgeplagten Anrainern andererseits Kompromisse zu finden, und zu erreichen, dass beide Seiten aufeinander zugehen und ein Gesprächsklima schaffen, das gemeinsame Lösungen möglich macht.“

Mit seinem Freund Reinhard Flatz (re.) absolvierte Georg Fessler 2022 seinen - bislang - letzten Fallschirmsprung. Seine Lizenz ist noch gültig
Mit seinem Freund Reinhard Flatz (re.) absolvierte Georg Fessler 2022 seinen – bislang – letzten Fallschirmsprung. Seine Lizenz ist noch gültig “und vielleicht springe ich irgendwann auch wieder . . .”  

Noch einmal eine Veränderung

Und vielleicht hat es ihn auch ein wenig gereizt – getreu dem Motto, das Udo Jürgens in seinem Hit „Mit 66 Jahren . . .“ besingt, noch einmal ganz etwas anderes zu machen, denn sein berufliches Leben verlief alles andere als geradlinig: nach kaufmännischer Ausbildung arbeitete er in einem großen Textilunternehmen und als dieses insolvent – und er damit arbeitslos – wurde, „überzeugte“ ihn Fallschirmspringerkollege Reinhard Flatz davon, dass Flugbetriebsleiter genau der richtige Job für ihn wäre.

Von einem guten Freund bekam der Neo-Bürgermeister ein originelles Einstandsgeschenk - das Schnepfauer Wappen als Holzschnitzerei.
Von einem guten Freund bekam der Neo-Bürgermeister ein originelles Einstandsgeschenk – das Schnepfauer Wappen als Holzschnitzerei.

Es war wohl so, denn sonst wäre er nicht sein halbes Leben im Hohenemser Tower geblieben. Und übrigens: „Seit 1986 habe ich die Fallschirmspringerlizenz und seither rund 600 Sprünge absolviert – die Lizenz ist immer noch gültig, wenngleich mein letzter Sprung, eine Außenlandung in Schnepfau, schon gut drei Jahre zurückliegt. Den ,Sprung‘ auf den Bürgermeistersessel zähle ich da nicht mit“, merkt er schmunzelnd an. STP

Zur Person

Georg Fessler

Geburtstag 29. August 1958

Wohnort Schnepfau

Beruf Pensionist, Bürgermeister

Familie verheiratet mit Hildegard, zwei Kinder

Lebensmotto „leben und leben lassen – um alles zu verkomplizieren, leben wir einfach zu kurz“

Hobbys Radfahren (mittlerweile E-Bike), wandern, lesen, Gespräche mit interessanten Menschen.

Großes Thema für die To-do-Liste ist der Radweg im Bereich des Tunnels.
Großes Thema für die To-do-Liste ist der Radweg im Bereich des Tunnels. “Es gibt zwar einen Beschluss des Landes, über die Finanzierung müssen wir aber noch verhandeln, Schnepfau kann das allein nicht stemmen.”
Georg Fessler:
Georg Fessler: “Vertrauen ist ein wertvolles Geschenk, das man auch wahrnehmen sollte.”