Man sollte geschenktes Vertrauen wahrnehmen

Statt in wohlverdiente Pension wechselte Georg Fessler mit 66 Jahren ins Bürgermeisteramt.
Schnepfau Er bezeichnet sich selbst als „politisch interessierten Menschen ohne große Ambitionen, in der Politik Karriere machen zu wollen“. Dessen ungeachtet ist er – gänzlich ungeplant – mit mehr als 66 Jahren nun sogar Bürgermeister geworden: Georg Fessler, Jahrgang 1958, aufgewachsen in Hohenweiler und der Liebe wegen in den frühen 1990-er Jahren in den Bregenzerwald gezogen, wo er das Elternhaus seiner Gattin Hildegard renovierte und damit Schnepfau zu seiner zweiten Heimat machte.

Vertrauen ehrt und verpflichtet
Und mehr als das: Seit den Wahlen im Frühjahr 2025 ist er sogar „Vorsteher“ seiner Wahlheimat. Ein Amt, das er ganz und gar nicht geplant oder gar offensiv angestrebt hatte. Aber: „Als mich Wählerinnen und Wähler bei der Mehrheitswahl an die fünfte Stelle reihten und die vier Kandidaten, die mehr Stimmen erhielten als ich, aus verschiedenen Gründen – etwa beruflichen – nicht bereit waren, das Amt zu übernehmen, habe ich den Wählerwillen ernst genommen: Wenn einem Vertrauen geschenkt wird, dann sollte man sich diesem nicht versagen und es auch wahrnehmen – mit der Konsequenz, dass ich mich eben als Bürgermeister zur Verfügung stellte.“

Kein einfaches Unterfangen
Dabei verhehlt er nicht, dass es in Zeiten wie diesen und einem Sparzwang bis hinunter in die kleinsten Kommunen kein einfaches Unterfangen ist, zumal er ein echter Quereinsteiger ist. Kommunalpolitische Erfahrung hat er zwar vor vielen Jahren gesammelt, „aber damals habe ich mich schnell wieder zurückgezogen, als heftige Auseinandersetzungen um den Steinbruch in Schnepfau gab.

Traue mir einiges zu
Warum er sich das jetzt wieder antut und gleich noch das Bürgermeisteramt übernahm? „Weil ich jetzt ein großes Privileg habe: als Pensionist habe ich mehr Zeit als viele andere, um mich mit Herausforderungen zu befassen und Kompromisse zu finden. Diesbezüglich traue ich mir einiges zu“, ist Fessler überzeugt, denn „in 32 Jahren als Flugbetriebsleiter am Flugplatz Hohenems habe ich in unzähligen Gesprächen gelernt, zwischen gegensätzliche Positionen der Flugplatznutzer einerseits und den lärmgeplagten Anrainern andererseits Kompromisse zu finden, und zu erreichen, dass beide Seiten aufeinander zugehen und ein Gesprächsklima schaffen, das gemeinsame Lösungen möglich macht.“

Noch einmal eine Veränderung
Und vielleicht hat es ihn auch ein wenig gereizt – getreu dem Motto, das Udo Jürgens in seinem Hit „Mit 66 Jahren . . .“ besingt, noch einmal ganz etwas anderes zu machen, denn sein berufliches Leben verlief alles andere als geradlinig: nach kaufmännischer Ausbildung arbeitete er in einem großen Textilunternehmen und als dieses insolvent – und er damit arbeitslos – wurde, „überzeugte“ ihn Fallschirmspringerkollege Reinhard Flatz davon, dass Flugbetriebsleiter genau der richtige Job für ihn wäre.

Es war wohl so, denn sonst wäre er nicht sein halbes Leben im Hohenemser Tower geblieben. Und übrigens: „Seit 1986 habe ich die Fallschirmspringerlizenz und seither rund 600 Sprünge absolviert – die Lizenz ist immer noch gültig, wenngleich mein letzter Sprung, eine Außenlandung in Schnepfau, schon gut drei Jahre zurückliegt. Den ,Sprung‘ auf den Bürgermeistersessel zähle ich da nicht mit“, merkt er schmunzelnd an.
Zur Person
Georg Fessler
Geburtstag 29. August 1958
Wohnort Schnepfau
Beruf Pensionist, Bürgermeister
Familie verheiratet mit Hildegard, zwei Kinder
Lebensmotto „leben und leben lassen – um alles zu verkomplizieren, leben wir einfach zu kurz“
Hobbys Radfahren (mittlerweile E-Bike), wandern, lesen, Gespräche mit interessanten Menschen.

