Neuanfang nach schwerem Mobbing

Sükran Keles über Psychoterror, Krankheit und ihren Weg zurück in den Arbeitsalltag.
Röthis RÖTHIS, WEILER Angst- und Panikattacken, Erschöpfung, Depressionen: Sükran Keles war psychisch und physisch am Ende. Durch Mobbing fiel die einst lebensfrohe Einzelhandels- und Bürokauffrau in ein tiefes Loch, aus dem sie ohne Hilfe nicht mehr herausfand. Wie die 45-Jährige mit türkischen Wurzeln den Weg zurück ins Leben geschafft hat, erzählt sie im Café See You in Röthis. Dort arbeitet sie seit einem Jahr.

Sükran war Gebietsleiterin einer Reinigungsfirma und betreute bis zu 100 MitarbeiterInnen. „Mein Chef war nie da. Er hatte auch eine Firma in Deutschland“, erzählt sie. Nach ihrer Einstellung begleitete sie eine Woche lang das gesamte Reinigungspersonal. „So lernte ich die Abläufe kennen und konnte einspringen, wenn jemand ausfiel.“ Sie liebte ihre Arbeit, engagierte sich mit vollem Einsatz. „Ich war rund um die Uhr erreichbar.“

Anfangs verstand sie sich gut mit dem Chef. „Er und seine Frau waren wie Familie für mich.“ Doch Ende 2019 änderte sich alles. Der Chef begann, sie zu mobben. Er behauptete etwa, Kunden hätten sich über mangelnde Sauberkeit beschwert. „Ich fragte selbst nach, doch alles war in Ordnung.“ Kurz darauf warf er ihr vor, faul zu sein, den ganzen Tag nichts zu tun. Für Sükran fühlte sich das an „wie ein Schlag ins Gesicht“. Ob das Mobbing mit einer neuen Bürokraft zusammenhing, die kurz zuvor eingestellt worden war, weiß sie bis heute nicht. „Wollte er mich rausekeln?“, fragt sie sich rückblickend. Schließlich stellte sie ihren Chef zur Rede. „Ich sagte zu ihm: Wenn du mich loswerden willst, sag es mir direkt, dann gehe ich.“ Seine Reaktion: Er habe nie etwas Derartiges gesagt, sie bilde sich alles nur ein. Doch die Schikanen wurden immer schlimmer. Zehn Monate hielt Sükran durch. Dann erlitt sie einen Nervenzusammenbruch im Büro. Es folgten mehrere Wochen Krankenstand und Kündigung.

„Es ging mir sehr schlecht“, erzählt sie. „Ich litt unter Angst- und Panikattacken, war mental und körperlich völlig erschöpft.“ Sie zog sich zurück, verließ die Wohnung kaum noch. „Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder unter Menschen zu gehen.“ Diese Phase dauerte fünf Jahre. In dieser Zeit war sie in ärztlicher Behandlung und verbrachte acht Wochen in einer Reha-Klinik. „Danach wollte ich wieder arbeiten“, sagt sie. „Mein Traum war es, mir ein Stück meines Lebens zurückzuholen.“ Doch die Angst, zu scheitern, war groß. Eine aktive Jobsuche war für sie zunächst unmöglich. Schließlich wurde sie von ihrer AMS-Betreuerin an Integra vermittelt und dort in das Beratungsprojekt Basic aufgenommen.

Auf der Liste mit offenen Stellen, die ihr Coachin Anja vorlegte, fand sich zunächst nichts Passendes. Sükran selbst brachte das Café See You in Röthis ins Spiel. „Ich war dort öfter Gast und dachte jedes Mal: Hier würde ich gerne arbeiten.“ Anja nahm Kontakt mit den Betreiberinnen Ulrike Blum und Conny Hämmerle auf, schilderte die Situation. Kurz darauf folgten ein Vorstellungsgespräch und die Zusage. Seit Februar 2025 arbeitet Sükran im See You – im Service, hinter der Theke, in der Backstube. „Jetzt macht es mir wieder Freude, unter Menschen zu sein“, sagt sie.

Auch ihre Freizeit gestaltet sie wieder aktiv. Besonders ihre sechsjährige Prager-Rattler-Hündin Findik hält sie auf Trab. „Auch sie hat zu meiner Gesundung beigetragen.“
Was rätst du Menschen, die ebenfalls unter Mobbing leiden, Sükran? „Seid mutig und nehmt Hilfe an.“ Ihr selbst hätten vor allem ihre Familie und Freundinnen Halt gegeben. Und was ihren ehemaligen Chef betrifft: Mit ihm hat sie innerlich Frieden geschlossen. HRJ
ZUR PERSON
SÜKRAN KELES
GEBOREN 6. Februar 1980
WOHNORT Weiler
BERUF Einzelhandels- und Bürokauffrau
FAMILIE verheiratet mit Osman, eine Tochter (25), ein Sohn (21), zwei Enkel (3 und 4)