Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Was hast du im Mund?

VN / 28.01.2026 • 08:00 Uhr

„Was hast du im Mund?“, fragte das Kind.

Die Schwester lutschte an einem Hustenbonbon.

„Lass es mich zu Ende lutschen, du hast es schon gehabt!“

Es war Winter und kalt und enge Schuhe. Das Kind konnte es kaum aushalten, nicht zu wissen, was jemand im Mund hatte, und dabei der eigene Mund leer war. Die Schwester löste das Bonbon von ihrer Zunge und steckte es dem Kind in den Mund. Das war in den frühen Fünfzigerjahren geschehen. Einmal hatte das Kind eine Bananenschale vom Gehsteig aufgehoben und das Weiße mit den Zähnen heruntergekratzt.

Neulich traf ich die Schwester im Zug. Sie ist eine verknitterte Frau, sie erkannte mich, ich erkannte sie. Ich fragte sie nach früher.

„Ach, die Olga“, sagte sie, „die will sich an nichts mehr erinnern. Sie geht auch schon auf die Siebzig zu, tut aber so, als lebe sie in ihrer besten Zeit. Sie ist gern unter Leuten, und spricht man sie auf ihr Alter an, zeigt sie ein scheues Lächeln, aber ein absichtliches.

„Wir leben in der guten Zeit“, sagte ich , „da ist es verständlich, dass man sich an das Schlechte nicht erinnern will.“

„Ach“, sagte sie, „ich hatte immer etwas im Mund, mir fehlte an nichts.“ Und nun betonte sie: „Nach außen hin war alles im Lot.“

„Nach außen hin?“, fragte ich, wie sie von mir erwartete. „Und nach innen hin?“

„Ach, du fragst Sachen, die längst verweht sind, ich bin nicht so ein Glückskind wie Olga.“

„Hast du denn keine Freude mehr am Leben“, fragte ich, wie ich dachte, dass sie erwarte, dass ich frage.

„An den Blumen, den blühenden Zweigen, an meiner schneeweißen Katze, daran habe ich Freude.“ Und nach einer kleinen Pause: „Manchmal.“

„Das ist doch schon etwas“, sagte ich. Ich dachte, sie hoffe, dass ich sie bemitleide. Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrem Zopf gelöst. „Darf ich?“, fragte ich und nadelte sie fest. Sie war enttäuscht, dass ich ohne Mitleid mit ihr war.

„Und du?“, fragte sie.

„Ich bin immer noch die mit dem Bleistift und glücklich, wenn ich eine Geschichte finde.“

„Leider muss ich jetzt aussteigen“, sagte sie. „Gibst du mir noch deine Handynummer? Kannst du sie dir merken?“

Ich sagte die Nummer vor mich hin, immer wieder, bis ich zu Hause war. Aber würde ich sie anrufen? Ich nahm mir vor, die Nummer zu vergessen und mir eine Geschichte über Olga auszudenken. Sie würde interessanter sein als alle wahren Geschichten. Und ich könnte sie gut ausgehen lassen – oder nicht.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.