Kommentar: Die Gefahr des schnellen Kicks
Bei satten 41 Sekunden liegt die durchschnittliche statistische Länge eines TikTok-Videos. Wobei viele schon nach wenigen Sekunden weiterwischen, zum nächsten noch ärgeren, lustigeren, aufregenderen Videoschnipsel: Artisten, Tiere, Attraktionen, alles nur im Internet und rasant geschnitten. Vor allem die Jüngeren informieren sich so auf TikTok über Politik, filmen sich beim Singen oder Tanzen, erzählen aus ihrem Alltag oder lassen sich von Musik- oder Propagandavideos berieseln. Die Onlineplattform ist der Inbegriff der digitalen Häppchenkultur – Häppchen, die Lust auf mehr, aber nie satt machen sollen, damit das Geschäftsmodell funktioniert: Die Menschen auf der Plattform zu halten.
Dass das ein ungesundes Nutzungsverfahren fördern kann, hat nun auch die EU-Kommission öffentlich gemacht. Sie teilte mit, dass TikTok nach den vorläufigen Ergebnissen einer EU-Untersuchung gegen europäisches Recht verstoße, aufgrund von Suchtgefahr. TikTok wird international vom chinesischen Konzern ByteDance betrieben und in den USA seit diesem Jahr von einem Joint Venture mit US-Investoren geführt. Weltweit nutzen mehr als einer Milliarde Menschen den Videodienst, 170 Millionen davon in der EU. Laut der neuen Untersuchung sind die meisten Nutzenden Kinder; sieben Prozent der Zwölf- bis 15-Jährigen verbringen täglich zwischen vier und fünf Stunden auf TikTok, die Jugendschutzmaßnahmen funktionieren nicht oder können leicht ausgetrickst werden. Und darum sind nicht nur hohe Strafen für Plattformen, sondern auch ein Social-Media-Verbot für Kinder Notwehrmaßnahmen, um Heranwachsende zu schützen.
Schnelle Belohnung
TikTok funktioniert als höchst effektive Belohnungsmaschine, das weiß man seit Jahren. Das Onlineangebot ist die perfekte Inkarnation dessen, was der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz meint, wenn er das Internet als eine „Kultur- und Affektmaschine“ beschreibt. Starke Emotionen mischen sich mit knapper Information und das ist die Basis der Suchtgefahr für jene, die hier zu viel Zeit verbringen: Noch ein Clip, noch ein Kick.
Die Gefährlichkeit hat etwa schon eine Studie der Freien Universität Berlin 2019 belegt, bei der Menschen, die Social Media benutzen, mittels MRT untersucht wurden. Der Gehirnscanner macht sichtbar, was im Gehirn passiert, wenn wir posten, liken oder geliked werden: Sobald ein Like blinkt, blinkt es im Belohnungszentrum. Das wird sonst bei Essen, Trinken, Sex oder Drogenkonsum aktiv. Die schnelle Belohnung, die niemals aufhört und für die man nicht einmal das Haus verlassen muss – es ist eben auch der unstillbare Wunsch nach Sichtbarkeit und Anerkennung, der angreifbare Menschen in die digitale Abhängigkeit führen kann.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.
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