Kommentar: Nüchternheit im Emotionssturm

VN / 27.01.2026 • 06:30 Uhr
Kommentar: Nüchternheit  im Emotionssturm

Die Welt ist derzeit für viele ein finsterer Ort. Das zeigt sich, wenn wir etwa nur auf die Nachrichtenlage des vergangenen Wochenendes blicken. In Minneapolis erschießen Bundesagenten rund um die Proteste gegen die gewaltvolle Abschiebepolitik von Donald Trump den Krankenpfleger und US-Bürger Alex Pretti mitten auf der Straße; vor nicht einmal drei Wochen hatte ein ICE-Mitglied in Minneapolis die Mutter dreier Kinder und US-Bürgerin Renee Good erschossen. Das Heimatschutzministerium stellt die tödlichen Schüsse in beiden Fällen als Notwehr dar – obwohl die Bilder mehrerer öffentlich gewordener Videos dieser Behauptung diametral widersprechen.

Oder die Not der Menschen in der Ukraine. In der Hauptstadt Kiew sitzen nach wie vor Tausende ohne Heizung, Licht und Warmwasser in der Kälte. Russland konzentriert sich bei den andauernden Drohnen- und Raketenangriffen auf die Energieversorgung des Landes, was auch die Zivilbevölkerung zermürben soll. Und nicht zu vergessen der Terror des islamistischen Regimes im Iran gegen seine eigenen Bürgerinnen und Bürger. Am Sonntag wurde durch Informationen des „Time“-Magazin bekannt, dass bei den Massenprotesten im Land alleine an zwei Tagen 30.000 Menschen getötet worden sein sollen. Zuletzt hatte das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA mehr als 5000 bereits bestätige Todesopfer vermeldet.

Gefühle und Ängste

Dass sich Nachrichtenmedien vor allem mit solchen negativen Nachrichten – Krieg, Katastrophen, Probleme, Skandale – beschäftigen, ist Teil des Kerngeschäfts. Sorgfalt und ein nüchterner Blick auf emotionalisierende Debatten können professionelle Medien helfen, sich von jenem Aktivismus abzugrenzen, der gerade auf den Social-Media-Plattformen großen Zuspruch erfährt. In der Affektmaschine, wie der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz das Netz nennt, sind meist diejenigen besonders erfolgreich, die Gefühle bedienen oder vorhandene Ängste schüren.

Dabei darf man nicht ausblenden, dass sich heute viele völlig berechtigte Sorgen um die Demokratie, die freie Gesellschaft und den Zustand der Welt machen. Doomscrolling, das andauernde Konsumieren negativer Nachrichten im Internet, kann für manche wohl auch zum persönlichen Problem werden. Für Medien stellt sich die Aufgabe, das eigene Publikum mitten im Emotionssturm möglichst sachlich korrekt zu informieren. Und teilweise auch eine neue, adäquatere, bessere Sprache für Phänomene unserer Zeit zu entwickeln, die Dinge so benennt oder einordnet, dass sich interessierte Menschen ein Bild machen können. Wenn möglich, ohne zu belehren oder noch mehr Angst zu verbreiten.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.