„Ich gehöre zu einer Minderheit“ – Alleinerziehender Vater Jerome Binder

Obsorge und Alleinerziehung: Hier sind Frauen meist im Vorteil. Wie Jerome Binder für das Wohl seines Kindes kämpfte.
Darum geht’s:
- Jerome Binder erlebt in Fragen Obsorge Benachteiligung.
- Rollenbild des alleinerziehenden Vaters ist gesellschaftlich wenig angekommen.
- Männer können genauso empathisch und fürsorglich sein.
Götzis „Ich werde oft kritisch beäugt“, sagt Jerome Binder, der als alleinerziehender Vater zu einer Minderheit gehört. Er hat am eigenen Leib erfahren, dass Frauen in Obsorgefragen meist klar im Vorteil sind und dass er als alleinerziehender Vater oft weniger hilfsbedürftig wirkt – auch wenn er manchmal am Rande seiner Kräfte war und im Stillen weinte. „Uns wird das Bedürfnis nach Mitgefühl und Unterstützung meist weniger zugestanden.“

Auf Mutter zentrierte Entscheidungspraxis
„Schon bei der Trennung vor sechs Jahren wollte meine Tochter bei mir wohnen“, erzählt Binder seine Version der Geschichte. Seine Tochter ist heute 13 Jahre alt. „Aber weil es zu keiner einvernehmlichen Lösung kam und ich für das Wohl meines Kindes auf einen Rechtsstreit verzichten wollte, habe ich nachgegeben.“

Der 47-Jährige aus Götzis kennt keinen einzigen Fall, in dem getrennte Eltern einvernehmlich vereinbart hätten, dass das Kind beim Vater lebt. „Ohne schwerwiegende Gründe hat der Mann in der Regel keine Chance, das durchzusetzen.“ Es werde viel zu wenig hinterfragt, ob das Kindswohl bei der Frau gewährleistet ist. Binder betont, dass Männer genauso empathisch und fürsorglich sein können. „Aber das Rollenbild des alleinerziehenden Vaters ist in der Gesellschaft noch nicht angekommen.“

Einige Jahre nach der Trennung, sei der Wunsch von Binders Tochter, bei ihm zu leben, so stark geworden, dass er quasi von einem Tag auf den anderen zum alleinerziehenden Vater wurde. „Wegen dem Widerstand der Mutter war das erste Jahr geprägt von Behörden, Gerichten und den unterschiedlichsten Institutionen.“ Dabei sei ihm klar geworden, dass das Thema Obsorge auf den Standardfall ausgelegt ist. „Alle waren bemüht, aber es fehlte oft an Zeit und Personal, um sich einem komplexeren Fall wie meinem zu widmen.“

Schlussendlich wurde ein Hauptaufenthalt bei Binder vereinbart. Seine Tochter wohnt nun seit rund eineinhalb Jahren bei ihm.
Hilflosigkeit und Hilfe
Die plötzliche Umstellung zum alleinerziehenden Vater war für Binder herausfordernd. Er arbeitete Vollzeit als Polizist, war nebenberuflich in seinem Messergeschäft „Jeronimo – KnifeART & more“ tätig und auch der Tod seines Vaters fiel in die Zeit des Rechtsstreits. „In dieser Zeit habe ich mich oft alleingelassen und hilflos gefühlt.“

Weil seine Familie nicht in Vorarlberg lebt, musste der gebürtige Burgenländer das meiste allein bewältigen. Doch er konnte auf Rückhalt von Freunden, Kollegen und seinem Arbeitgeber, der Landespolizeidirektion in Bregenz, zählen.
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Er hätte sich gewünscht, von Anfang an die „Plattform für Alleinerziehende“ gekannt zu haben. „Das ist eine leicht zugängliche Anlaufstelle, die im Durcheinander der vielen Institutionen Orientierung bietet.“ Unter anderem gibt es eine WhatsApp-Gruppe, in der sich Alleinerziehende gegenseitig helfen. Auch Binder ist in der Gruppe, um andere mit seiner Erfahrung zu unterstützen. Zudem würde er sich gerne als Standortkoordinator für ein ALZ-Café in Götzis engagieren, einen Treffpunkt für Alleinerziehende. Ob dieses umgesetzt werden kann, ist von finanziellen Förderungen abhängig.
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Papasein
„Ich denke, dass man aus jeder Misere etwas Positives ziehen kann“, reflektiert Binder über die herausfordernde Zeit. Er habe viel über den Menschen und über sich selbst gelernt, sei an sich gewachsen und resilienter geworden. Aber vor allem habe sich die Beziehung zu seinem Kind deutlich vertieft. Die beiden unternehmen viel miteinander, etwa Autotrips nach Transsilvanien oder bis hoch zum Nordkap in Norwegen. „Ich wollte nie nur ‚Vater‘, sondern immer ‚Papa‘ sein.“
