Streiflicht: Gesehen werden

VN / 10.03.2026 • 18:18 Uhr
Streiflicht: Gesehen werden

Er hätte die Frage nicht stellen sollen. Schon tut es ihm leid. Aber „wie geht es Dir?“ – das rutscht einem leicht heraus, besonders im Vorbeigehen. Nun steht er seit gefühlten 30 Minuten vor dem Kühlregal im Supermarkt im Dauerfeuer von Befindlichkeiten. Er schielt auf die Uhr. Sein alter Freund ist bei den Krankheiten angelangt, das kann dauern. Ein Bekannter rettet ihn schließlich. Er sucht erleichtert das Weite. Da merkt er, dass sein Gegenüber nicht einmal zurückgefragt hat: Wie geht’s eigentlich Dir? Das war gar kein Gespräch. Der hat sich nur entleert, denkt er. Und fühlt sich ausgenutzt.

Die Begegnung lässt ihn nicht los. Anfangs verärgert, wird er zunehmend nachdenklich. Dabei spielt das Gesagte keine Rolle. Aber wie es gesagt wurde, schon: Gehetzt hat der ausgesehen, ruhelos. Das ehemals runde Gesicht wirkte ausgezehrt. Wie der sich mit der Hand durch die strähnigen Haare fuhr… Und dieser flackernde Blick, der nicht standhalten konnte.

Für ein Gespräch braucht es immer zwei. Sie tauschen sich aus, neugierig und interessiert. Aber manchmal quillt so ein Mensch über. Dann stellt er sich ungeschminkt in die Auslag’, in all seiner Bedürftigkeit. Kann gar nicht anders. Will nur gehört und gesehen werden. Wenn sich dann jemanden Zeit nimmt, mag das Mühe kosten. Aber es ist ein Geschenk.