Kommentar: Wir Inseln in der digitalen Welt

Jürgen Habermas ist tot und der deutsche Philosoph und Soziologe hinterlässt eine große Lücke. Nicht nur für all jene, die sich für seine Fachgebiete interessiert haben. Denn der mit 96 Jahren Verstorbene war nicht nur einer der einflussreichsten Denker der Gegenwart, sondern auch ein streitbarer Intellektueller, der bis zuletzt wach auf die Welt geblickt hat; einer, der sich in die öffentliche Debatte eingemischt, sich für die Demokratie und für die Menschen interessiert hat. Solche Persönlichkeiten sind nicht durch TV-Philosophen zu ersetzen, die in Diskussionsrunden irgendwelche besonders kantigen oder provokativen Ideen zum Besten geben.
Wir alle brauchen heute in einer verunsicherten Welt eine Öffentlichkeit, in der wir einander begegnen und uns austauschen können. Habermas hat sich intensiv mit Kommunikation beschäftigt und diese vier universalen Geltungsansprüche als Grundbedingungen für verständigungsorientiertes Handeln formuliert, die alle Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmer erfüllen müssen: Verständlichkeit, Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit. Wie weit wir von diesem Anspruch entfernt sind, ob in der politischen Debatte oder beim Posten und Kommentieren auf Social Media, kann man täglich beobachten. Auch an sich selbst.
In der neuen Welt
Den Sozialphilosophen Habermas hat ausgezeichnet, dass er bis ins hohe Alter nicht müde wurde, sich mit der Veränderung der Welt auseinanderzusetzen. In seinem 2022 erschienenen, neu konzipierten Werk „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“, beschreibt er etwa ein Phänomen, das nicht zu leugnen ist: Die Menschen erhalten auf Social-Media-Plattformen zwar die Möglichkeit, ihre eigene Stimme zu erheben, aber das führe nicht zur Verwirklichung der Idee von einer direkten, deliberativen Demokratie, wie in der Gründerzeit des Internets erhofft.
Habermas sieht eine Gesellschaft, die in „Halböffentlichkeiten“ zerfällt und ihre gemeinsamen Bezugspunkte verliert. Alle kommunizieren in ihrem Teil der Öffentlichkeit vor sich hin, viele haben noch nicht gelernt, sich in der digitalen Öffentlichkeit adäquat zu verhalten: Menschen, die niemals schreiend auf der Straße herumlaufen würden, lassen auf den Plattformen ihren – oftmals negativen – Gefühlen freien Lauf. Einen der wesentlichen Gründe dafür hat Habermas so analysiert: „Wie der Buchdruck alle zu potentiellen Lesern gemacht hatte, so macht die Digitalisierung heute alle zu potentiellen Autoren. Aber wie lange hat es gedauert, bis alle lesen gelernt hatten?“ Bis möglichst viele gelernt haben, sich wie verantwortungsbewusste Autorinnen und Autoren zu benehmen, bleiben wir Inseln in der digitalen Welt. Jede, jeder für sich.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.