Das eine Chromosom zu viel

Welt-Down-Syndrom-Tag am 21. März: Corina und Claudia sind Schwestern mit einer besonderen Gemeinsamkeit.
Nüziders Corina Tschann (37) und Claudia Zimmermann-Doniscez (41) sind Schwestern. Beide verheiratet. Beide mit Familien, Eigenheim und guten Berufen. Doch noch mehr als das verbindet die Frauen aus Nüziders eine andere Gemeinsamkeit. Sie sind Mütter von Kindern mit Down-Syndrom. Anna, die Tochter von Claudia, ist acht, Moritz, der Sohn von Corina, sechs Jahre alt. Die Genetik spielte keine Rolle, wie spätere Tests ergaben. „Es war wohl einfach eine Laune der Natur “, kommen die Schwestern zum gleichen Schluss. Kurz bringen sie das Schicksal ins Spiel, aber sie hadern nicht mehr damit. Corina und Claudia sehen stattdessen lieber die positiven Seiten, denn die Geburt von Anna und Moritz hat die Frauen auch persönlich verändert. Claudia, die früher gerne alles genau plante, ist lockerer geworden, und Corinna nimmt ihr Leben jetzt viel bewusster wahr.

Emotionale Achterbahnfahrt
Die Türe am Eingang zum Garten ist mit einer Glocke versehen, die anschlägt, wenn geöffnet wird. „Moritz büxt gerne aus“, bemerkt Corina Tschann lächelnd. An diesem Nachmittag hält es ihn jedoch im Garten. Schwester Ella (8) und Cousine Emma (5) sind da und kurz darauf kommt auch Anna. Moritz freut sich über ihren Besuch. An Beschäftigung mangelt es den beiden nicht. Sie erfinden Spielen immer wieder neu. Die Mütter schauen dem fröhlichen Treiben zufrieden zu. „Wir können gut mit allem leben, auch wenn es Herausforderungen gibt“, sagen sie unisono.

Anna war das erste Kind von René und Claudia Zimmermann-Doniscez. Die Schwangerschaft verlief unauffällig, gleiches galt für die Untersuchungen. Nichts deutete auf bei dem Ungeborenen auf ein Handicap hin. Das offenbarte sich erst nach der Geburt. „Die Diagnose war ein Schock“, gibt die Lehrerin freimütig zu. Ängste und Aufregung legten sich jedoch schnell. Claudia wusste um den Rückhalt in der Familie. Sie wurde wieder schwanger, die Freude auf Emma glich jedoch einer emotionalen Achterbahnfahrt, denn in dieser Zeit kam Moritz mit Down-Syndrom zur Welt. Im Gegensatz zu ihrer Schwester wusste Corina bereits in der 20. Schwangerschaftswoche von der Behinderung. Ein Bluttest hatte es bestätigt.

Eine schwierige Zeit
Schon lange vorher fühlte die Krankenschwester, dass etwas nicht stimmte: „Mein Bauch war wegen zu viel Fruchtwasser ungewöhnlich groß.“ Ein Organscreening beim Fötus zeigte eine Darmfehlstellung. Das Risiko eines Down-Syndroms aufgrund dieser Diagnose gab die behandelnde Ärztin mit 50 Prozent an. Der Unglaube folgte auf dem Fuß. Gedanken, wie „das kann nicht sein, meine Schwester hat doch schon ein Kind mit Down-Syndrom“ drängten sich auf. Danach zählte für die Eltern aber nur noch das Überleben ihres Sohnes. Die folgenden Monate beschreibt Corina Tschann als schwierig, aber: „Wir haben es bis zur 37. Schwangerschaftswoche geschafft.“ Die Geburt von Moritz verlief gut, gleich danach erfolgte die operative Korrektur der Darmfehlstellung. Claudia brachte einige Monate später ein gesundes Mädchen zur Welt. So, wie Claudia und René entschieden sich auch Corina und Thomas bewusst für ein weiteres Kind. Felix ist eineinhalb Jahre alt und bereichert den Alltag seiner Geschwister. „Moritz kann es gut mit seinem kleinen Bruder und Ella ist ganz die große Schwester für beide“, freut sich die Mutter über die familiäre Harmonie.

Anna besucht inzwischen die Volksschule in Nüziders. Sie ist dort ebenso gut integriert wie davor im Kindergarten. „Die Kinder profitieren alle voneinander“, betont Claudia Zimmermann-Doniscez die Bedeutung der sozialen Kompetenz als Beitrag für mehr Verständnis innerhalb der Gesellschaft. Anna bekam außerdem ein zusätzliches Kindergartenjahr zugesprochen, das ihr den Einstieg in die Schule erleichterte. Darauf hofft auch Corina Tschann für Moritz. Eine Entscheidung steht noch aus, die Unsicherheit ist jedoch groß. „Die Kürzungen im Sozialbereich sind deutlich spürbarer“, bestätigt Martina Natter von der Arbeitsgemeinschaft Down-Syndrom.
„Alle Tests gemacht?“
Moritz und Anna sind aufgeweckte und verständige Kinder, nur eben mit einem Chromosom, das dreimal statt zweimal vorhanden ist. Die Eltern bemerken dankbar, dass sie immer wieder auf Menschen stoßen, für die Inklusion mehr als nur ein Wort bedeutet. Was die Mütter hingegen nach wie vor ärgert, sind die Fragen, die sie sich anhören mussten: „Alle Tests gemacht? Nicht an Abtreibung gedacht?“ Ihre klare Antwort: „Wer solche Untersuchungen durchführen lässt, muss sich überlegen, wie er mit den Konsequenzen umgeht. Für uns hätte kein Test etwas geändert. Wir hätten Anna und Moritz so und so angenommen.“
