Emilie Eß: Vom Waisenkind zur Wegbegleiterin sterbenskranker Kinder

VN / 21.03.2026 • 17:30 Uhr
Emilie Eß: Vom Waisenkind zur Wegbegleiterin sterbenskranker Kinder
Emilie Eß hat ein großes Bild ihrer Familie neben dem Bett stehen, wobei ihr vor allem ihre Mutter (o. r.) viel Kraft gibt. VN/Grundner

Im Alter von sieben Jahren wurde die Lustenauerin Vollwaise, heute unterstützt sie Kinder im Hospiz.

Darum geht’s:

  • Therapie half Emilie Eß, um Verluste zu verarbeiten.
  • Begleitet seit Jahren schwer behinderte Kinder.
  • Engagiert sich auch für Nachbarschaft und Familie.

Lustenau „Ich verlor meinen Vater im Alter von 15 Monaten. Als ich dann sieben Jahre alt war, starb auch meine Mutter“, erzählt Emilie Eß (68). Danach wurde sie von ihren vier Brüdern getrennt und kam als Einzige zu ihrer Tante. „Ich war zwölf, als sie auch starb.“ Trotz oder genau aufgrund dieser Erfahrungen schafft sie es heute, anderen Menschen Halt zu geben, unter anderem als Ehrenamtliche beim Hospiz für Kinder und Jugendliche (Hoki).  

Schicksalsschläge

Im Alter von zwölf musste Eß nochmals ihren Wohnsitz wechseln, diesmal zu einer Cousine. „Doch sobald ich die einjährige Hauswirtschaftsschule, also die Schulpflicht, beendet hatte, musste ich von dort weg.“ So begann sie mit 15 Jahren bei einer Familie in Dornbirn als Haushälterin zu arbeiten, wo sie auch wohnen konnte. Das sollte nur einer von vielen Jobs sein, die sie in ihrem Leben annehmen sollte.

Die Lustenauerin erlebte noch einige weitere Schicksalsschläge und trug ihren Schmerz lange mit sich herum. „Doch mit 47 Jahren begann ich eine Therapie und schaffte es, die Dinge zu verarbeiten.“

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Emilie Eß hat ihre Schicksalsschläge durch eine Therapie aufgearbeitet. VN

Ein paar Jahre später starben kurz nacheinander zwei Brüder und ein Cousin. „Ich habe den Tod immer gehasst, aber nun konnte ich gut damit umgehen.“ Nichtsdestotrotz schwirrten ihr diese drei Verstorbenen noch länger im Kopf herum. „Als wollten sie mir etwas sagen.“ Das führte schlussendlich dazu, dass sie sich als Ehrenamtliche beim Hoki meldete, wo Kinder mit lebensverkürzenden Erkrankungen sowie Kinder in Trauersituationen begleitet werden.

Anderen beistehen

Nach einem Vorstellungsgespräch beim Hoki und einem halbjährigen Kurs, begann Eß ihr Ehrenamt. Zu dieser Zeit arbeitete sie noch, stand aber kurz vor der Pension. Als Ehrenamtliche unterstützte sie unter anderem ein Kind mit einem Herzfehler, das nach einem Jahr verstarb. „Die Nachricht von dessen Tod brachte mich zum Weinen.“

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Im Jahr 2017 ging Eß dann in Pension und begann, regelmäßig für einen schwer behinderten Jungen da zu sein. Damals war er zehn Monate alt, und heute, neun Jahre später, besucht sie ihn noch immer – aktuell alle zwei Wochen für ein paar Stunden. „Ich habe ihn sehr lieb und schaue einfach, was er gerade braucht.“ Zum Beispiel spielt sie ihm etwas auf der Gitarre vor, erzählt ihm etwas oder hält seine Hand.

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Emilie Eß spielt den Kindern, die sie begleitet, manchmal etwas auf der Gitarre vor. VN

Darüber hinaus engagiert sich Eß ein- bis zweimal pro Woche für ein zwei Monate altes Baby, das ebenfalls schwer behindert ist. „Ich gehe mit der Kleinen gern spazieren oder singe ihr etwas vor.“ Die Begleitungen bei Hoki sind so individuell wie die Prognosen. Einige Kinder trotzen selbst ungünstigen Prognosen über viele Jahre hinweg. Davon abgesehen hilft das Vorarlberger Hospiz auch bei schweren Erkrankungen mit Aussicht auf Heilung. „Ich kann zwar nichts an den Umständen ändern, aber in den Stunden, die ich mit den Kindern verbringe, kann ich ihnen etwas geben.“

Neben dem Engagement bei Hoki geht Eß mehrmals täglich mit dem Hund der Nachbarin spazieren. „Diese Aufgabe ist ihr altersbedingt zu viel geworden.“ Auch auf ihre Enkel passt sie immer wieder und gerne auf. „Nach dem Tod meiner Mutter war niemand mehr da, der mich in die Arme genommen beziehungsweise mir ehrliche Liebe gegeben hätte“, erzählt sie. Umso mehr erfüllt es sie, nun anderen helfen zu können und zu spüren, dass sie etwas bewirkt.

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Emilie Eß: Vom Waisenkind zur Wegbegleiterin sterbenskranker Kinder
Emilie Eß’ Katze gibt ihr viel Kraft. privat

Zur Person:

Emilie Eß, Ehrenamtliche beim Hospiz für Kinder und Jugendliche (Hoki)

  • Geboren: 29.06.1957
  • Wohnort: Lustenau
  • Ausbildung: Einjährige Hauswirtschaftsschule
  • Beruf: Pension
  • Familie: Ledig, zwei Kinder, drei Enkelkinder
  • Hobbys: Musik, Gitarre spielen, Stricken, Fahrradfahren, Spazieren, Backen

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