“Alleingänge sind meist Ausdruck einer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten”

VN / 03.04.2026 • 13:00 Uhr
"Alleingänge sind meist Ausdruck einer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten"
Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre in Köln und Innsbruck. EconTribute

Verhaltensökonom und Bestsellerautor Matthias Sutter über Kooperationen, die Perspektiven für alle Beteiligten schaffen.

Obwohl viele Menschen grundsätzlich wissen, dass man „gemeinsam stärker“ ist, wird – zumindest politisch – derzeit eher auf das Gegenteil gesetzt. An was liegt es?

Alleingänge – seien sie politischer, militärischer oder wirtschaftlicher Natur – sind meist Ausdruck einer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Außerdem basieren sie oft auf einem Nullsummendenken, das in den letzten Jahren häufiger geworden ist. Es bedeutet, dass ich verliere, was der andere gewinnt – oder umgekehrt. Diese Form des Denkens macht Kooperation praktisch unmöglich. In Wahrheit aber sind die meisten Beziehungen Positivsummenspiele, wo alle Seiten gewinnen können.

Um im Politischen zu bleiben: Auch Partnerschaften wie die EU, Handelsabkommen oder Koalitionen werden kritischer gesehen?

Koalitionen sind für mich Vereinbarungen, gemeinsame Ziele durch politische Zusammenarbeit umsetzen zu können. Das verlangt im Verhandlungsprozess immer Kompromisse. Letztere gelten vielen Menschen aber als Zeichen der Schwäche, was oft zu Ablehnung führt. Dabei ist ein guter Kompromiss, der beide Seiten ernst nimmt, fundamental für das menschliche Zusammenleben und unsere Demokratie.

Wie kann man im persönlichen Umfeld eine Situation schaffen, die gegen die allgemeine Depression und Perspektivlosigkeit wirkt?

Das passt sehr gut zur ersten Frage, wonach wir alle gemeinsam stärker sind. Etwas gemeinsam anpacken, an einem Strang ziehen und die Kräfte mit anderen Gleichgesinnten zu bündeln, das erschafft eine Perspektive, dass man etwas gestalten und erreichen kann. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist, hilft die Gemeinschaft mit anderen, Mut zu gewinnen und ein Ziel anzustreben, das motiviert.