Exil-Iraner: “Das letzte Wort haben die Menschen im Iran”

Benjamin Davoodi sieht eine historische Chance, warnt aber eindringlich vor falschen Erwartungen.
Schwarzach Die Ereignisse überschlagen sich erneut: Seit wenigen Stunden gilt ein zweiwöchiger Waffenstillstand zwischen dem Iran und den USA. Dennoch, oder gerade deshalb, blicken viele Exil-Iraner in Vorarlberg mit Sorge in ihre Heimat. Einer von ihnen ist Benjamin Davoodi. Wie es danach weitergeht, ist für ihn offen – zugleich sieht er eine historische Chance auf Veränderung. “Letztlich liegt das Ergebnis dieser Phase nicht allein in den Händen des Westens – das letzte Wort haben die Menschen im Iran.”

Der 28-Jährige kam 2017 nach Vorarlberg und arbeitet heute als Pfleger in einem Heim in Bregenz. Trotz der militärischen Eskalation mit den USA und Israel bereitet ihm vor allem die Gewalt des Regimes Angst: “Das iranische Regime verhängt jeden Tag neue Todesstrafen, gegen junge Leute, in meinem Alter.” Er ergänzt: “Die Israelis und Amerikaner greifen keine normalen Häuser und Menschen an.”
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“System nicht reformierbar”
Wie es Freundinnen und Freunden sowie Verwandten derzeit geht, weiß Davoodi nicht. “Das Internet ist abgeschaltet.” Trotz aller Sorge bleibt Hoffnung: “Aus der Sicht eines großen Teils der Gegner der Islamischen Republik sind die Schläge, die dieses System in dieser Phase erlitten hat, absolut real, tiefgreifend und entscheidend.”

Auch die österreichische Regierung verfolgt die Entwicklung mit Anspannung. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) sprach von einem wichtigen Schritt “zur Deeskalation in einer extrem angespannten Lage”. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos) forderte, die “Verschnaufpause” für Verhandlungen zu nutzen. Davoodi warnt jedoch vor Illusionen: “Das Wesen der Islamischen Republik hat sich nicht verändert. Dieselbe Struktur, dieselben Kommandeure der Revolutionsgarden, dieselbe Denkweise und dieselbe radikale Ideologie.” Das System sei nicht reformierbar.

Bekannte Muster seien bereits erkennbar: “Krieg und Waffenstillstand dienen als beste Vorwände für verstärkte Repression.” Internetausfälle, Propaganda, strengere Kontrolle und willkürliche Maßnahmen seien die Folge, zählt Davoodi auf. Unter veränderten globalen Bedingungen könnte sich die Lage wieder zuspitzen, warnt er: “Wenn wir hier stehen bleiben, kann sich alles wieder zurückdrehen – noch brutaler, rücksichtsloser und gefährlicher.”
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Keine dauerhafte Stabilität
Der Konflikt hat auch spürbare Auswirkungen über die Region hinaus. “Alles, was im Nahen Osten passiert, hat unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen in Österreich: auf unsere Wettbewerbsfähigkeit, unseren Wohlstand, auf unsere Preise, auch auf das Thema Sicherheit”, sagte Meinl-Reisinger im ORF. Österreich habe kein Interesse daran, dass der Iran über Atomwaffen verfüge oder Terrororganisationen unterstütze.
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Die ersten wirtschaftlichen Reaktionen folgten prompt: Nach der Waffenruhe und der Öffnung der wichtigen Handelsroute fiel der Ölpreis. Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) sprach von einem “ersten Signal der Entspannung”. Eine befristete Waffenruhe bringe jedoch noch keine dauerhafte Stabilität, die Lage bleibe volatil. Österreich müsse sich daher schrittweise unabhängiger von geopolitischen Krisen machen; das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungs-Gesetz sei in Vorbereitung.
E-Control-Vorstand Alfons Haber rechnet, optimistisch betrachtet, im zweiten Halbjahr mit sinkenden Gaspreisen, kurzfristig jedoch weiterhin mit einem hohen Niveau. Ähnlich sieht es beim Öl aus: Experte Johannes Rauball erwartet in den kommenden Wochen weiterhin relativ hohe Spritpreise und einen Dieselpreis von rund zwei Euro pro Liter – “bis eine Normalisierung eintritt”.