Kolumne: Notlügen
Keine Notlügen, keine Ausreden mehr. Das sagt ein alter Mensch, der es leid ist, um den Brei zu reden. Da fragt also ein Bekannter an und bittet um einen Termin, sagt er: Tut mir so leid, aber an dem Tag kann ich nicht, da kommen meine Enkel. Um dann aufzulegen und zu denken: Wieder eine Notlüge. Warum sage ich nicht: Nein ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht. Warum ist es so schwer, das zu sagen. Mir wurde erzählt, dass ein Schriftsteller eine Therapie machen musste, um NEIN sagen zu lernen, um dann doch wieder zu versagen. Er könne doch die Menschen, die nur Gutes im Sinn haben, nicht vor den Kopf stoßen. Also, wieder zum Psychiater. Und dann, endlich. Nein, danke, ich möchte nicht. Aus. Der Schriftsteller sitzt eingesunken auf seinem Stuhl und hat ein schlechtes Gewissen. Wieder zum Psychiater. Und dann. Zum wiederholten und letzten Mal: Nein, danke, ich will nicht. Gleich das Gespräch beenden. Nicht herumreden, denn beim Herumreden wird es wieder schwierig, und wieder heißt es, also gut, mein letztes Mal. Es war schwierig für den Schriftsteller und ist es für die vielen in ähnlicher Situation. Nur niemanden kränken.
Dann heißt es: Er hat abgesagt. Mit einem einzigen Satz. Er will nicht. Kann man das glauben?
Er will nicht. Und ich will nicht und so viele wollen es nicht, und lügen wieder. Es ist nicht gelogen, sagen sie, es ist doch nur, weil ich sie nicht kränken wollte, sie haben sich so eine Mühe gemacht, und ich bin es, der alles kaputt macht.
Ich will nicht. Bei aller Schärfe und miteinbezogen die üble Nachrede: Was ist denn mit dem los? Ist er krank? Ist er verblödet, es ist doch nie seine Art gewesen. War immer so ein höflicher Mensch.
Ich will nicht. Das ist die geheime Formel, sagt der kluge Psychiater, ind glauben sie ihm. Sie schützen sich. Die braven Leute werden sich daran gewöhnen und wenn nicht. Kismet.
Sie hat abgesagt. Wir gehen zu ihr. Sicher ist sie krank und braucht unsere Hilfe. Sie öffnet ihre Tür nicht, weil sie es noch nicht gelernt hat, die Tür zu öffnen, und zu sagen, ich will nicht.
Ich sage zu meiner Tochter, wenn ich deinem Rat folge und so vieles absage, wird man mich vergessen, ich werde ausgelöscht sein.
Sie sagt: Mama, das ist deine Entscheidung. Der Schriftsteller muss das richtige Maß finden. Was ist das richtige Maß?
Der Schriftsteller, ich sage seinen Namen – Peter Turini – ein so liebenswerter Mensch, der keinem ein Härchen krümmen will. Er sagt: Ich will nicht. Das muss ich noch lernen.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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