Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Virginia Giuffre – das verdrängte Opfer

Politik / 27.04.2026 • 14:50 Uhr

Als junges Mädchen wurde sie Opfer mächtiger, niederträchtiger Männer. Mit 41 Jahren, am 25. April 2025, nahm sich Virginia Giuffre das Leben. Giuffre hatte dem US-Milliardär Jeffrey Epstein vorgeworfen, sie als Sexsklavin missbraucht und als Minderjährige zum Sex an den britischen Prinzen Andrew weitergereicht zu haben. Die junge Frau habe im Umgang mit ihrem Leid “unglaublichen Mut” bewiesen, erklärte ihre Familie nach dem Suizid: “Am Ende wurde der Tribut des Missbrauchs so hoch, dass es für Virginia unerträglich wurde, sein Gewicht zu ertragen.” Ein Jahr nach ihrem Tod ersucht nun ihr Bruder Sky Roberts König Charles III. um ein Treffen bei dem derzeit laufenden Staatsbesuch des Königs in den USA. “Wir brauchen, dass der König seine Einigkeit mit Missbrauchsüberlebenden demonstriert”, sagt Roberts.

Das britische Königshaus hat diesen Forderungen unter Verweis auf die laufenden polizeilichen Ermittlungen allerdings eine Absage erteilt, wie die BBC berichtet. Die Familie von Virginia Giuffre kämpft darum, dass ihre Geschichte nicht vergessen und verdrängt wird – so wie es manchen jener einflussreichen Männer wohl gelegen käme, die sich damals gerne im Dunstkreis von Mr. Epstein bewegt und heute nichts mehr mit dem überführten Verbrecher zu tun haben wollen. Giuffre hatte dem damaligen britischen Prinzen Andrew vorgeworfen, sie im Alter von siebzehn Jahren sexuell missbraucht zu haben.

Andrew, der jahrelang eng mit Epstein befreundet war, stritt diese Vorwürfe immer ab. Dennoch einigte er sich 2022 mit Giuffre auf einen laut Medienberichten millionenschweren Vergleich, infolge des Skandals verlor er sämtliche Titel, Ämter und Ehrungen. Giuffre war eine Schlüsselfigur und wichtige Zeugin im Missbrauchsskandal um Epsteins Netzwerk, dessen kriminelle Umtriebe bis heute noch nicht aufgeklärt sind. Auch wenn die vom US-Justizministerium veröffentlichten Epstein-Akten zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Erklärungsnotstand bringen und hoffentlich noch mehr zur Aufklärung beitragen werden.

Natürlich geht es darum, die Täter und die Mitwisser, die zugesehen haben, auszuforschen, sie – wo möglich – noch zu belangen oder ihre Rolle zumindest offenzulegen. Dabei darf man aber niemals die Opfer ausblenden. Giuffre, die aus einem Elternhaus ohne Geld und gesellschaftliche Verbindungen stammte, geriet nach einer traumatisierten Kindheit in die Fänge Epsteins, aus denen sie sich jahrelang nicht befreien konnte. Sie hinterließ bei ihrem Tod drei Kinder. Virginia Giuffre war eine Vorkämpferin für andere Missbrauchsopfer, die heute noch hier sind und auf Gerechtigkeit und Konsequenzen für die Täter warten.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.