Kommentar: Sprache als gefährliche Waffe
Wenn Donald Trump spricht, ist mit derber bis schockierender Sprache zu rechnen. Wie zuletzt, als der US-Präsident dem Iran allen Ernstes mit der „Auslöschung einer Zivilisation“ drohte, die Führung des islamistischen Regimes als „verrückte Bastarde“ und als „Tiere“ titulierte oder den Iranern in Aussicht stellte, sie „zurück in die Steinzeit“ zu versetzen, „wo sie hingehören“. Ohne jedes Verständnis für das brutale Regime in Teheran zu haben, das seine eigene Bevölkerung unterdrückt und während der Proteste im Land Tausende Menschen umgebracht hat, Schätzungen sprechen gar von Zehntausenden: So verächtlich, so überzogen sollte sich ein Demokrat und Regierungschef der mächtigen USA nicht äußern, nicht einmal über seine Feinde.
Die niveaulose Sprache eines der einflussreichsten Männer der Weltpolitik ist keine schlechte Angewohnheit, sie verändert die Realität.
Das US-Magazin „New Yorker“ befasste sich vergangenes Jahr ausführlich mit der extremen Sprache Trumps, der seine Beschimpfungen und Drohungen ja auch gerne auf Social Media verbreitet. Und kam dabei zu folgendem, harten Schluss: „Er ist der lautstärkste und gefährlichste Troll der Welt.“ Man möchte Mr. Trump manchmal gerne „Contenance“ zurufen, wenn er das Wort nur verstehen würde, denn eines ist klar: Die niveaulose Sprache eines der einflussreichsten Männer der Weltpolitik ist keine schlechte Angewohnheit, sie verändert die Realität.
Bihänder statt Diplomatie
Sprache schafft Bewusstsein, im Positiven wie im Negativen. Sie bringt Menschen in Austausch oder entfremdet sie (noch mehr) voneinander. Sprache kann Schreckliches anrichten, denken wir etwa an die Propaganda der Nationalsozialisten, die viele vergiftet hat; aber auch Menschen in einer großen Sehnsucht nach Freiheit vereinen, zum Beispiel bei den Montagsdemonstrationen vor dem Fall der Berliner Mauer. Und Sprache vermag das, was der Schriftsteller Kurt Tucholsky mit großem Können in der Zeit der Weimarer Republik praktizierte, der damit zum Vorbild für Zeitkritikerinnen und Satiriker wurde: „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf!” Der Publizist Tucholsky nutzte seine Sprachgewalt für Warnungen vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus.
Heute setzt Präsident Trump seine drastische Sprache bei Angriffen auf alle ein, die gegen ihn, seine Vorstellungen und seine Politik sind. Egal, wer oder wo. Damit wird Sprache zur gefährlichen Waffe, die jederzeit bereit liegt, um im Kampf möglichst viel Schaden zuzufügen. Auch wenn es wohl sinnlos wäre, den US-Präsidenten darauf hinzuweisen, dass Diplomatie oft bessere Ergebnisse bringen kann als täglich mit dem Bihänder durch die Welt zu laufen – dieses Bibelzitat des Propheten aus Hosea 8, Vers 7, sollte ihm geläufig sein: „Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten.“ Ein Sturm, der auch Donald Trump erfassen kann.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.
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