Aufgewachsen im Ghetto von Shanghai

VN / 30.04.2026 • 09:56 Uhr
Elisabeth Ganglberger berichtete vor den Schülerinnen und Schülern von Flucht, Exil und Rückkehr.
Elisabeth Ganglberger berichtete vor den Schülerinnen und Schülern von Flucht, Exil und Rückkehr.Laurence Feider

Die Familie von Elisabeth Ganglberger floh vor den Nazis nach China. Ihre Geschichte erzählte sie im BG Dornbirn.

Dornbirn Lange hat Elisabeth Ganglberger geschwiegen – nicht einmal ihre Freunde kannten ihre Geschichte. Doch seit zwei Jahren spricht sie öffentlich vor Schülern. Die 85-Jährige ist eine der letzten Zeitzeuginnen im Programm von erinnern.at und besuchte kürzlich das BG Dornbirn. Vor den Schülern der vierten und siebten Klassen erzählte sie von der Flucht ihrer Eltern nach Shanghai, ihrer Kindheit in China und der Rückkehr nach Österreich.

Die Schülerinnen und Schüler des BG Dornbirn hörten der Zeitzeugin aufmerksam zu.
Die Schülerinnen und Schüler des BG Dornbirn hörten der Zeitzeugin aufmerksam zu.

Elisabeth Ganglberger wurde 1940 als Rachel Elisabeth Modern in Shanghai geboren. Ihre eigenen Erinnerungen beginnen in China – die Zeit davor hat ihr Vater unter dem Titel “Die Jahre des Unheils” niedergeschrieben. Sein unerwarteter Tod 1950 setzt den Aufzeichnungen ein Ende – sie schließen mit den Worten: “So reisten wir denn weiter und kamen am 7. Mai 1939 am ersehnten und gefürchteten Bestimmungsort Shanghai an.”

Lehrerin Karin Schindler-Bitschnau begrüßte Elisabeth Ganglberger am BG Dornbirn.
Lehrerin Karin Schindler-Bitschnau begrüßte Elisabeth Ganglberger am BG Dornbirn.

Die “unheilvolle” Zeit begann am 11. März 1938, über den Franz Modern schrieb: “Es war ein Schock, dem Lähmung folgte.” Er war Jude, Arzt und seit Kurzem mit der Katholikin Leopoldine verheiratet. Als die Lage nach den Novemberpogromen in Wien immer gefährlicher wurde, entschied sich das Paar zur Flucht. Modern, der von einer “ärztlichen Pionierarbeit” träumte, wählte China, da für einen Teil Shanghais kein Visum nötig war. Nach vielen Ablehnungen erhielten sie schließlich eine Schiffspassage auf der “Conte Rosso”.

Mit Fotos aus den frühen Jahren in China machte Elisabeth Ganglberger ihre Erinnerungen greifbar.
Mit Fotos aus den frühen Jahren in China machte Elisabeth Ganglberger ihre Erinnerungen greifbar.

Erste Erinnerungen

Die erste Zeit in China war glücklich. Franz Modern arbeitete als Arzt in einem Missionsspital im Landesinneren, das Paar lebte in bescheidenem Wohlstand. “In diese Idylle hinein entschlossen sie sich, ein Kind zu haben – und ich bin das Ergebnis davon”, erzählte Ganglberger. Bis zu ihrer Geburt hatte sich die Situation jedoch grundlegend geändert. Die Japaner hatten sich mit Hitler verbündet und begonnen, China zu erobern. Unter dem Druck der Nationalsozialisten wurden alle Flüchtlinge zurück nach Shanghai befohlen, wo Elisabeth am 30. November 1940 zur Welt kam. “Meine erste Erinnerung ist ein Bombenalarm, als sich mein Papa mit mir im Betteinsatz verbarrikadierte und die Matratze über uns zog”, erzählte sie.

Gebannt verfolgten die Jugendlichen die Schilderungen aus Elisabeth Ganglbergers Kindheit im Exil.
Gebannt verfolgten die Jugendlichen die Schilderungen aus Elisabeth Ganglbergers Kindheit im Exil.

Die Familie lebte in der “Designated Area” in Shanghai, die später als Ghetto eingestuft wurde. In einem Zimmer wohnten sie mit elf weiteren Kindern und Erwachsenen zusammen. Die großen Überseekoffer wurden zu Tischen – auch sonst war die Zeit entbehrungsreich. Dennoch konnte Elisabeth hier den Kindergarten besuchen und später, nach Kriegsende, auch die Schule. Auch in der “Designated Area” erlebte sie Ablehnung: “Die anderen Kinder wollten sich nicht mit mir abgeben, denn ich war ja Christin.”

Als Zeitzeugin teilte Elisabeth Ganglberger ihre Erinnerungen an eine Kindheit in Shanghai.
Als Zeitzeugin teilte Elisabeth Ganglberger ihre Erinnerungen an eine Kindheit in Shanghai.

Zurück in Wien

Nach Ende des Krieges wurde eine Rückkehr nach Europa realistischer. Im Jänner 1947 bestieg Familie Modern ein Schiff nach Neapel, von dort wurde sie gemeinsam mit anderen Rückkehrern in Viehwaggons nach Wien gebracht. Nur mit dem Überseekoffer, mit dem sie acht Jahre zuvor geflüchtet waren, begann am 12. Februar 1947 ein neues Leben in der alten Heimat. Der Vater fand in der Jugendfürsorge Arbeit als Arzt, starb jedoch drei Jahre später an einer Infektion, die er sich in China zugezogen hatte. “Damit ist ein totales Unheil über meine Mama und mich hereingebrochen”, erinnert sich Ganglberger. Trotzdem besuchte sie ein Gymnasium und studierte später Chemie. Aus Angst vor Antisemitismus schwieg sie lange über ihre Geschichte. Auf die Frage eines Schülers, wie lange es gedauert habe, bis der Antisemitismus verschwunden sei, antwortete sie: “Der war nie weg und treibt leider wieder neue Blüten.” LCF

Mit bewegenden Worten schilderte Elisabeth Ganglberger ihre Lebensgeschichte.
Mit bewegenden Worten schilderte Elisabeth Ganglberger ihre Lebensgeschichte.
Mit einem Schiff kehrte die Familie 1947 nach Europa zurück – der Beginn eines neuen Lebens.
Mit einem Schiff kehrte die Familie 1947 nach Europa zurück – der Beginn eines neuen Lebens.