Kommentar: Aufklärung statt Belehrung

Auch dieses Jahr beklagen Journalismusverbände am “Internationalen Tag der Pressefreiheit” die Zunahme des politischen und wirtschaftlichen Drucks auf traditionelle Medienhäuser. Der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) leistet rund um den 3. Mai mit einer Kampagne in seinen Mitgliedsmedien Bewusstseinsarbeit, mit Sujets, auf denen dieser wichtige Satz zu lesen ist: “Wenn unabhängige Medien verschwinden, stirbt die Demokratie leise”. Weltweit haben es Journalistinnen und Journalisten in vielen Ländern immer schwerer, sicher und frei arbeiten zu können.
Wir Medienschaffende sehen uns mit der übermächtigen Konkurrenz internationaler Digitalkonzerne wie Meta, Alphabet und Amazon konfrontiert, die immer mehr Werbegelder lukrieren und die Menschen von ihren Algorithmen abhängig machen. Die Konkurrenz der Techriesen und Social-Media-Plattformen schert sich nicht um das Gemeinwesen, sie schürt sogar noch die – oftmals negativen – Gefühlsstürme, die im Netz regieren. Mit dem täglichen Rausch für die Massen drohen Digitalfürsten wie Mark Zuckerberg (Meta) oder Elon Musk (X), uns das Zusammenleben in der Gesellschaft gänzlich zu ruinieren.
Oberlehrer unerwünscht
Doch wir Medienmenschen dürfen jetzt nicht stehen bleiben und uns bedauern, weil früher ja alles besser war. Wir müssen uns adaptieren und auch an den zeitgemäßen Bedürfnissen des Publikums orientieren. Wir müssen unsere Tugenden hochhalten und dürfen uns nicht von Social Media in die destruktive Emotionalisierungsspirale hineintreiben lassen. Wir müssen die Leserinnen, Seher, Hörerinnen, User ernst nehmen und sollen uns nicht als ihre Oberlehrerinnen oder Oberlehrer aufspielen.
Grundsätzlich können wir aber auch selbstbewusst ansprechen, was unsere Aufgabe in der Gesellschaft ist. Freie Medien, die Öffentlichkeit herstellen und seriöse Information anbieten, bleiben wichtig für das demokratische System. Aufklärung und Kontrolle gehören zu den Aufgaben von Medien, auch wenn wir Medienschaffende heute vor allem die Rolle der Kuratorinnen und Kuratoren des niemals versiegenden Informationsstroms zu erfüllen haben.
In der schönen neuen Welt gibt es so viel Konkurrenz durch die Digitalriesen, dass man sich anstrengen muss, um mit seinen Inhalten zu bestehen – auch wenn die anderen Anbieter nicht durch Qualität reüssieren. Der deutsche Medienwissenschafter Bernhard Pörksen sagte rund um die Österreichischen Medientage vergangenes Jahr, es sei jedenfalls eine “Aufklärungsanstrengung” nötig, die aus dem Journalismus selbst kommen muss: “Der Journalismus der Zukunft sollte transparent und dialogisch sein, getragen von der Einsicht, dass man auf die Solidarität des Publikums angewiesen ist wie nie zuvor.”
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.